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Spurensuche : Tanja Dückers liest aus ihrem Familienepos "Himmelskörper"

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Erst als sich das Lakritzbonbon in ihrer dunklen Mundhöhle auflöst und die Zunge das Salz hinter dem Süßen schmeckt, fühlt Freia den Schmerz ihres Onkels Kazimierz. Den tiefen Schmerz des stets scherzenden ...

          Erst als sich das Lakritzbonbon in ihrer dunklen Mundhöhle auflöst und die Zunge das Salz hinter dem Süßen schmeckt, fühlt Freia den Schmerz ihres Onkels Kazimierz. Den tiefen Schmerz des stets scherzenden Onkels, der sich von einer Warschauer Brücke stürzte und zweifellos Mitwisser des Familiengeheimnisses war, das seinen Kern im Jahr 1945 hat, in dem die Großmutter mit Freias damals fünfjähriger Mutter auf einem der letzten Schiffe über die Ostsee aus Westpreußen fliehen will.

          Tanja Dückers zeichnet in ihrem Familienepos "Himmelskörper" eine Spurensuche zwischen Berlin und Polen nach, die der Selbstbefreiung dient. Denn das Erlittene und lebenslang Verdrängte wirkt fort bis in die Enkelgeneration, zu der auch die 1968 geborene Berlinerin gehört. Vor vier Jahren war ihr mit ihrem Debütroman "Spielzone", einer Berliner Milieustudie zwischen illegalen Bars und besetzten Häusern, der literarische Durchbruch gelungen. Zahlreiche Stipendien und literarische Auszeichnungen folgten, doch alle diejenigen, die die zierliche schwarzhaarige Frau mit dem prätentiösen Lidstrich seither immer noch der Berliner Poetry-Slam-Kultur zuordneten, waren überrascht, daß sie sich bei ihrem neuen Buch für ein historisches Thema entschied.

          Während ihrer Lesung in der Reihe "Die Mitte liegt ostwärts - Begegnungen mit Nachbarn", die das Museum des Jagdschlosses Kranichstein derzeit gemeinsam mit dem Deutschen Polen-Institut Darmstadt im Schloß veranstaltet, konnte sie nun im Gespräch mit Ruth Fühner darlegen, welche Geschichtsaneignung ihr vorschwebt. Und welche sie ablehnt. Die des "neurotischen Sammelns", Archivierens und Weglegens etwa, wie es Eltern und Großeltern betrieben haben. Nicht zuletzt ihre eigenen Großeltern, bei deren Wohnungsauflösung sie auf Dokumente gestoßen ist, die auf die Beinahe-Flucht ihres Onkels auf der "Wilhelm Gustloff" hindeuteten - eine Szene, die im Roman ebenfalls den Anstoß für die Nachforschungen gibt. Doch bloße Fakten sagen noch nicht viel aus, auf das Dahinter, das Durchscheinende kommt es an, wie bei den Wolkenbildungen, die die Meteorologin Freia untersucht.

          Diese Zweiseitigkeit zeigt besonders prägnant die Passage über Freias Besuch in Warschau nach dem Tod des Onkels, die Tanja Dückers für die Lesung ausgewählt hat. Eine "schillernde Doublette" der Warschauer Altstadt erkennt Freia an jener Stelle, an der einst das Ghetto stand. Das "doppelte Ungeschehen-Machen, erst der Deutschen, dann der Polen", schmerzt sie, das Vorgaukeln des Intakten. Das Nicht-wissen-Wollen der Exfreundin, warum sich der Onkel umgebracht hat, führt das Leugnen des Schmerzes nur fort. Wo die Wirklichkeit so unecht ist, löst das Vernaschen von Lakritze, also der Geschmackssinn authentischere Gefühle aus, und vielleicht ist hier auch der Angelpunkt von Tanja Dückers Geschichtsaneignung zu finden.

          Denn nicht zufällig schickt sie ausgerechnet die Naturwissenschaftlerin Freia und ihren Zwillingsbruder, den Künstler Paul, auf die Suche nach dem lange Verdrängten. Nur mit einem zugleich rationalen und irrationalen Zugang, erklärt sie nach der Lesung, könne die Enkelgeneration eine Antwort auf ihre Fragen erhalten.

          Und erst durch die Verbindung mit der Kunst könnten die Fakten zu etwas "Subjektivem" transformiert und damit angeeignet werden. Um in einem nächsten Schritt etwas Positives daraus zu machen. Vielleicht erschließt sich auch so erst der beiläufige Satz, den Tanja Dückers dem lakritzlutschenden Kazimierz in den Mund gelegt hat: "Den Osten muß man einfach nur als Basis begreifen, als Basis für viel Phantasie." KRISTINA MICHAELIS

          Bei der nächsten Lesung im Jagdschloß Kranichstein, die am 7. September stattfindet, wird Artur Becker aus seinem Buch "Kino Muza" vortragen.

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