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Franz Mon : Das Gras wies wächst

Denkt nicht ans Aufhören: Franz Mon, Vertreter der Konkreten Poesie Bild: Frank Röth

In seinem Arbeitszimmer stapeln sich Buchstaben. Denn die Kunst von Franz Mon ist das Spiel mit der Sprache. Ein Besuch beim Dichter zu Hause in Frankfurt.

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          Das hat was, keine Frage. Auch wenn man sich erst einmal daran gewöhnen müsste. Und all die schönen, schrägen, schlimmen Wörter, mit denen wir alltäglich Umgang pflegen, müssten es erst recht. Wenn nämlich, wie Franz Mon es vor vielen Jahren einmal vorgeschlagen hat, man „jedem Wort, das du einmal benutzt hast“, einen Namen geben wollte. Nur für den Fall, dass es irgendwann noch einmal auftaucht, sei es als Zeichen, sei es als Schriftbild oder in einem Zusammenhang, an den man sich womöglich bloß noch vage erinnert. Damit man es auch ja wiedererkennt, wenn es soweit ist, und „je nach dem Erfolg, den es einstmals gebracht hat, streicheln oder prügeln, küssen oder kauen, stützen oder stoßen“ kann.

          Christoph Schütte
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Salzwasserwörter, schalltote Wörter, Bauchbindenwörter“, wie es in den Versen von „wörter voller worte“ heißt, die Mon einst der vor kurzem gestorbenen Friederike Mayröcker gewidmet hat, „Schluckaufwörter, Schreibtischwörter, Herzensbrecherwörter“ und eine Menge mehr. Der Altmeister der konkreten Poesie kennt sie bei all ihren immer wieder wunderlichen Namen, zieht sie aus und schaut sie an, nimmt sie auseinander und baut aus nichts als Sprache eine Welt. Mag sein, mit der Verständigung wird es dann gelegentlich ein wenig komplizierter. Die Kunst Franz Mons freilich zeichnet sich gerade dadurch aus: durch das Prügeln und Küssen, Schmecken und Liebkosen, das Walken, Kneten, Drehen und Wenden von Worten, Lauten und Schriften.

          Durch das Bearbeiten all der Wörter, Silben und Lettern mithin, die ihm buchstäblich sein Vokabular vorstellen, gleich in welchem Medium er sich auch bewegt. Mons Kunst, sie ist zunächst vor allem Spiel. „Ich sammle Material“, erklärt er auf dem Weg ins Atelier, „und ich habe Berge von Material“. Da mag man ihm, einmal oben in der Künstlerwerkstatt angekommen, nicht widersprechen. Schließlich passt zwischen Schreibtische und Arbeitstische, Ordner, Kisten, Bücher und diverse Stapel von Papier kaum noch ein Streichholz, wie der Hausherr lächelnd sagt. Und doch hat alles seine Ordnung.

          95 Jahre alt und viel beschäftigt

          Hier steht die mechanische Schreibmaschine mit dem schönen Namen „Monica“, auf der vor 50 Jahren einige seiner schönsten Zeichnungen überhaupt entstanden sind, dort finden sich Kartons und Kästchen, Schachteln und Schächtelchen mit im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gesammelten Bildern und Prospekten, Texten und Wörtern, sortiert nach Farbe, Größe, Schrift und Type für die umfangreiche Werkgruppe seiner Collagen, die derzeit im Zentrum seines künstlerischen Interesses steht.

          Mon, der im Mai seinen 95. Geburtstag gefeiert hat, ist offensichtlich noch immer viel beschäftigt. Nicht nur ist das lang ersehnte Werkverzeichnis noch nicht abgeschlossen, auch schreibt Mon gerade an der Biografie seines Vaters Karl, der nach dem Zweiten Weltkrieg den mittlerweile im Cornelsen Verlag aufgegangenen Hirschgraben Verlag gegründet hat.

          Eben erst hat mit „Visuelle Poesie“ seine mittlerweile zweite Ausstellung in der Frankfurter Galerie Middendorff eröffnet, in deren Zentrum jener Wandteppich steht, der im Zusammenhang mit dem „Prix Bernard Heidsieck“ des Centre Pompidou entstanden ist, den Mon vor drei Jahren erhalten hat. Und keineswegs zuletzt öffnet im Juli jene Schau in Friedberg, die, glaubt man der Galeristin Heidi Hoffmann, schon jetzt ihre Tag- und Nachtträume beherrscht. Eine Ausstellung, die für Hoffmann naturgemäß eine Herausforderung ist und dem Künstler eine Genugtuung sein dürfte, für den Betrachter freilich vor allem ein Versprechen darstellt.

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