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„Sportfreunde Stiller“ : Septemberfest

  • -Aktualisiert am

„'54, '74, '90, 2006” wollen sie nicht mehr spielen Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Manchmal werden Bands von ihren Hits verfolgt. So dass sie sich irgendwann weigern, sie weiterhin auf Konzerten zu spielen. So ergeht es auch den Sportfreunden Stiller. Doch wenn die Band sich verweigert, singt eben das Publikum.

          „Ich hasse es, wenn eine Band ihre Hits nicht spielt. Das macht für mich keinen Sinn“, sagte Peter Brugger 2004 in einem Interview. Der Sänger und Gitarrist der „Sportfreunde Stiller“ hatte damals leicht reden. Zwar war die Gruppe vor drei Jahren wahrlich kein Geheimtipp mehr, aber den einen großen Hit, mit dem eine Band auf ewig assoziiert wird, der im Radio rauf- und runterdudelt und der irgendwann - ob es den Künstlern, die des Liedes meist früher denn später überdrüssig sind, passt oder nicht - als Allgemeingut gilt, hatte sie noch nicht gefunden.

          Das änderte sich mit der WM im vergangenen Jahr: „'54, '74, '90, 2006“ hieß die damals allgegenwärtige Hymne. Und nun, schon ein Jahr nach Erscheinen des Nummer-eins-Hits, beklagt die Gruppe die Geister, die sie rief, und kündigt an, das Lied auf ihrer Tour nicht mehr spielen zu wollen. So singt Brugger bei dem Konzert am Dienstag in der Jahrhunderthalle nicht eine Zeile des Hits. Und dennoch ist das Lied der Höhepunkt des Abends.

          Unkompliziert und eingängig

          Seit elf Jahren gibt es die „Sportfreunde Stiller“, und vieles ist gleich geblieben in dieser langen Zeit. Das Münchner Trio, das neben Brugger Schlagzeuger Florian Weber und Bassist Rüdiger Linhof einschließt, hat sechs Alben veröffentlicht, und das aktuelle, „La Bum“, unterscheidet sich nicht auffallend von seinen erfolgreichen Vorgängern.

          Verweigerungshaltung

          Die Kompositionen sind so unkompliziert wie eingängig, und bei den Texten verhält es sich ähnlich. Aber mit der Zahl der Anhänger mehrte sich auch die der Zweifler, und was bei den einen als netter Ohrwurm punktet, wird bei den anderen als schrecklicher Nervtöter verrissen.

          Und was bei den einen als schön einfach durchgeht, wird bei den anderen als furchtbar banal gescholten. Der einzige gemeinsame Nenner, auf den sich Fans und Kritiker immer einigen konnten: Die Künstler, die sich als solche wohl niemals bezeichnen würden, sind sympathisch. Denn glücklicherweise hat sich mit dem wachsenden Druck von außen der Anspruch, der innerhalb der Band an Musik und Auftreten gestellt wird, nicht krampfhaft geändert. Das Publikum in der Jahrhunderthalle dankt es der Gruppe mit Begeisterung.

          Begleitung zum Chor

          Das Konzert beginnt mit „Der Titel vom nächsten Kapitel“, gefolgt vom umjubelten „Alles Roger!“, und spätestens ab dem dritten Lied „Ein kleiner Schritt“ vom Erfolgsalbum „Burli“ herrscht vorgezogene Oktoberfest-Stimmung in der Halle: Die Kapelle spielt zünftig auf, und die Gäste feiern wie die Narrischen. Fast zwei Stunden lang bleibt die Band, und jedes der Lieder wird von Tausenden Kehlen mitgesungen. Die verzückten Fans lassen sich ihre gute Laune auch nicht durch den schrecklichen Sound in der Halle und die dürftige Bühnenkulisse verderben.

          Vielleicht ist es eine Art Protest, dass die „Sportfreunde Stiller“ die Leinwände, die hinter ihnen plaziert sind, am Boden lassen, statt sie, wie bei großen Konzerten üblich, in die Höhe zu hieven, auf dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die vergrößerten Körper der Musiker statt auf ihre leibhaftigen gelenkt werde. Die Echtheit steht im Vordergrund und drängt die Künstlichkeit hier buchstäblich nach hinten.

          Zum Ende beschränkt sich die Band darauf, das Publikum zu begleiten, wie es im Chor „'54, '74, '90, 2006“ singt. Die Allgemeinheit nimmt sich des Allgemeinguts an und erlöst die Band von ihrer Pflicht. So schön kann Verweigerung sein.

          Weitere Konzerte in Deutschland und Österreich bis in den November hinein. Nächste Termine: 20.9. Köln (ausverkauft), 22.9. Münster, 23.9. Hannover, 24.9. Hamburg, 26.9. Berlin

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