https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kultur/spes-heisst-hoffnung-amanda-lasker-berlin-stellt-neuen-roman-vor-18259754.html

Amanda Lasker-Berlin : Es muss etwas geschehen sein

Das Licht der Stadt gefällt ihr: Die Schriftstellerin Amanda Lasker-Berlin lebt seit 2021 in Frankfurt. Bild: Michael Matthey

Drei Romane in drei Jahren: Amanda-Lasker-Berlin sieht genau hin, hält aber trotzdem nicht viel von der Entdeckung der Langsamkeit. Jetzt stellt sie ihr neues Buch in Frankfurt vor.

          3 Min.

          Die vergangenen Wochen hat sie in England verbracht, in Cambridge. Sie ist mit dem Zug gefahren, um nicht zu fliegen, „sehr angenehm und empfehlenswert“. Jetzt ist sie zurück in Frankfurt, um ihren neuen Roman vorzustellen. „Spes heißt Hoffnung“ erscheint am 25. August in der Frankfurter Verlagsanstalt, schon am 23. August verrät Amanda Lasker-Berlin in der Reihe „Frankfurter Premieren“, welche Hoffnungen ihre Figuren hegen, aufgeben und neu wagen.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Geboren wurde die Autorin 1994 in Essen, aufgewachsen ist sie in Gladbeck. Das Geiseldrama, das dort seinen Ausgang nahm, hat ihr 2021 erschienenes Theaterstück „Ich, Wunderwerk und How much I love disturbing content“ inspiriert, es lebt aber genauso vom Wechsel der Blickwinkel auf ein und denselben Gegenstand wie ihr neuer Roman. Lasker-Berlin hat schon früh Theater gespielt und geschrieben: „Es war eine Art Spiel. Dann habe ich einfach nicht damit aufgehört.“

          Zum Studium der Freien Kunst ging sie an die Bauhaus-Universität in Weimar, nach dem Ruhrgebiet stand ihr der Sinn nach einer „Kleinstadt mit Esprit“. Damals malte sie mehr als heute. Und erinnert sich noch genau daran, worum es ihr in ihren Bildern gegangen sei: „Ich habe versucht, Situationen zu klären.“ Sie beobachte viel, schon seit jeher. „Kleine Sequenzen, in denen die Dinge extra dicht konzentriert sind“, aus denen man etwas erfahre über Individuum und Gesellschaft, sie gelte es zu sezieren, auf Bestandteile und Atmosphäre hin. Was sie dabei lernt, führt dazu, dass es sich beim Schreiben genau umgekehrt verhalten kann. „Ich weiß meist nicht, wo die Szene, die ich schreibe, hinführt. Es ist ein Herantasten.“ Aber wiederum ein genaues Hinsehen. Dessen Zweck feststeht, für die Autorin ohnehin, obwohl auch ihre Leser und Zuschauer etwas davon haben sollen: „Ich mag es, wenn man in die Szene eintauchen kann.“

          Geschichten sichtbar machen

          Ihr Debütroman „Elijas Lied“ kam 2020 heraus, „Iva atmet“ folgte im Jahr darauf. Nun der dritte Roman in drei Jahren. Macht sie so weiter? Nicht ganz. Gerade arbeite sie an einem Buch, das länger werde als die drei ersten, sagt sie. Es werde daher auch länger dauern. Es gehe um „unsichtbare Geschichten“, um Lebensgeschichten vergessener Frauen und queere Geschichten, die unterdrückt, ausgeklammert und vergessen worden seien. Die es aber gegeben habe und gebe. Sie wieder freizulegen bedeute ihr viel.

          „Spes heißt Hoffnung“ begann mit dem kleinen Mädchen, nach dem es benannt ist. Der Großvater, ein ehemaliger Lateinlehrer, hilft dem Kind zu Hause durch eine schwere Erkrankung, die dazu führt, dass seine empfindliche Haut sich in Blasen und Wunden entzündet. Spes bekommt viel mit von den Gesprächen der Erwachsenen und macht sich ihre Gedanken, während der Großvater mit dem Krankenhaus darüber verhandelt, ob nur noch eine palliative Versorgung in Frage kommt oder eine experimentelle neue Therapie gewagt werden soll.

          „Was bedeutet es, neue Haut zu haben? Und wo suchen Leute noch nach neuer Schale?“ Mit diesen Fragen kamen für Lasker-Berlin zu Spes und dem Großvater nach und nach die anderen Personen des Romans hinzu. Paul, der Journalist, der seine Reportagen zum Teil frei erfunden hat, Achura, die aufstrebende junge Politikerin, die auf der Bühne einen Satz sagt, von dem sie fürchtet, er werde sie ihre Karriere kosten, woraufhin sie sie aufgibt, und Mirjam, ihre Freundin, die einmal mit Paul befreundet war und im Libanon in die Explosion im Hafen von Beirut gerät: „Leute, die ganz unterschiedliche Arten des Erzählens über sich und andere gewählt haben.“ Angefangen habe alles mit der Idee des Neuanfangs: „Kann das überhaupt gelingen?“

          Frankfurt ist nicht Berlin

          In Frankfurt hat sie selbst im Frühjahr 2021 einen Neuanfang gemacht, als es sie nach dem Abschluss des Regiestudiums an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg im eher beschaulichen Ludwigsburg nach einer Großstadt mit Geist verlangte. Frankfurt scheint ihr dafür der ideale Ort. Im Ruhrgebiet habe sie stets das Gefühl gehabt, kein Bein auf den Boden zu bekommen: „Hier ist es gelungen.“ Die Stadt sei groß, aber nicht unüberschaubar, sie gebe einem nicht das Berliner Gefühl, gar nicht zu wissen, wo man anfangen solle. Und noch etwas: „Ich finde das Licht in Frankfurt sehr gut.“

          Was zum Hinsehen zurückführt. Wenn sie Bühnentexte verfasse, sagt Lasker-Berlin, gehe es ihr um den Klang. „Wenn ich Prosa schreibe, geht es um Bilder. Da verfolge ich die Handlung, als würde ich einen Film sehen.“ Und wann rundet sich das Werk? „Wenn ich denke, jetzt sind die Dinge aufgemacht und ein Stück abgeschlossen.“ Nicht zur Gänze also. Sie entlässt die Figuren ins Offene: Was wird mit Paul geschehen? Was Spes aus sich machen? Anders kann es in einem Roman, der die Hoffnung im Titel trägt, auch nicht sein.

          Frankfurter Premieren – Amanda Lasker-Berlin, 23. August, 19 Uhr, Ausstellungshalle, Schulstraße 1a. Um Anmeldung unter kulturportal@stadt-frankfurt.de wird gebeten.

          Weitere Themen

          Schock per Post

          FAZ Plus Artikel: Preise für Strom und Gas : Schock per Post

          Die Preise für Strom und Gas sollen gedeckelt werden. Doch viele Verbraucher haben schon Benachrichtigung vom Versorger bekommen: Sie sollen deutlich höhere Abschläge zahlen. Die Verunsicherung ist groß.

          Topmeldungen

          Vieles bleibt geheim:das Gefangenenlager Urumqi Nummer 3 in Dabancheng in der westchinesischen autonomen Region Xinjiang im April 2021

          Keine Debatte über Xinjiang : Da klatscht China Beifall

          Eine Niederlage für den Westen: Im UN-Menschenrechtsrat verhindern Pekings Freunde eine Debatte über den Xinjiang-Bericht. Sogar Kiew verhält sich anders als vom Westen erwartet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.