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Spaziergang mit Azad : Des Pitbulls Kern

  • -Aktualisiert am

Selbsternannter „Goethe der Straße”: Azad Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Azad kommt aus der Nordweststadt, dort wo Geldscheine und Tütchen häufig die Besitzer wechseln. Er hat das, was man „street credibility“ nennt. In seinem Block ist er bekannt, geschätzt, wird respektiert. Unser Autor war mit dem Rapper unterwegs.

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          Der Kleine hat Azad im Nordwestzentrum gleich erkannt. „Daaf isch’n Foto mit dir mach’n?“, fragt der Achtjährige und reicht einem Freund das weiße Fotohandy weiter. „Gerne“, sagt der Rapper. Er legt seinen Arm um die schmächtigen Schultern des Jungen. Dem gefällt der Schnappschuss: Azads schwarzes T-Shirt spannt sich über seine Muskelberge, und die schwarze Hose hängt tief – daneben steht der Junge selbst, breit grinsend. „Boah, cool, danke, Azad“, sagt der Kleine. „Kein Ding“, entgegnet Azad, „und immer schön brav bleiben“. Dabei wuschelt er ihm über den blonden Irokesenschnitt.

          Viele in der Nordweststadt kennen Azad, den Frankfurter kurdischer Herkunft. Der Vierunddreißigjährige ist hier aufgewachsen und mit Hip Hop bekannt geworden – erst in der Nordweststadt, dann in ganz Deutschland: Als erster männlicher Solorapper hat er in den deutschen Charts Platz eins belegt. Fast 100.000 Mal hat sich die Single „Prison Break Anthem (Ich glaub an dich)“ mit dem Sänger Adel Tawil im vergangenen Jahr verkauft. Zehn Wochen lang blieb der Titelsong zur RTL-Serie „Prison Break“ in den Top Ten. Azad erhielt dafür eine goldene Schallplatte, sein bislang größter Erfolg.

          „Blocks und Bäume, mehr gibt es hier nicht“

          Mit der Single „Phoenix“ hat er das nicht geschafft, auch wenn er darin über den Überlebenskampf im Alltag rappt – als selbsternannter „Goethe der Straße“. „Die Parallelen zwischen Goethe und mir sind, dass er aus Frankfurt kommt und ich aus Frankfurt komme, er ein Poet war und ich ein Poet bin“, sagt „die Stimme des Blocks“, „der Betonpoet“, wie er sich in anderen Songs nennt. Absurd ist der Vergleich für ihn nicht. „Die Leute müssen verstehen, dass man als Rapper auch Lyriker ist, nicht nur ein Reime-Aneinander-Reiher“, sagt Azad und reibt sich die Hände. Das wuchtige, mit Brillanten besetzte Silberarmband rutscht den rechten Arm hoch. Eine große silberfarbene Uhr prangt am linken Handgelenk. Der Verlobungsring verschwindet fast zwischen den kräftigen Fingern.

          „Hey Bruder, wie geht’s dir?“, fragt ein großer Araber, schwarz gekleidet, den Schädel rasiert. Auf der Fußgängerbrücke über dem Erich-Ollenhauer-Ring schüttelt Azad ihm die Hand: „Gut, und dir, mein Freund?“ Sie plaudern kurz, dann verabschieden sie sich per Handschlag. Auf den linken Handrücken hat sich Azad sein Logo stechen lassen, es steht im Zentrum zweier konzentrischer Kreise. Wenn er die Fäuste an den Knöcheln gegeneinanderschlägt, wirbt er für seine eigene Plattenfirma: „Bozz Music“. In Schreibschrift ist das mit blauer Tinte in die Handballen geritzt.

          Eine Frau, die ihren Kinderwagen durch eine Nebenstraße der Bernadottestraße schiebt, winkt ihm zu. Azad winkt zurück und läuft weiter durch das Wohngebiet. „Blocks und Bäume, mehr gibt es hier nicht“, sagt er – abgesehen von vielen Menschen, die ihn kennen und schätzen.

          Drogenverkauf „ist hier Standard

          Zwischen zwei eng aneinander gebauten Hochhäusern am Ende der Bernadottestraße hängt eine Gruppe Jugendlicher auf einem Fußweg ab. Die Klamotten sind übergroß, die Hosen schlottern an den dünnen Beinen, Hip Hop lärmt aus einem Handy. Zwei von ihnen klatschen sich schnell ab, dann wechseln Geldschein und Tütchen ihre Besitzer. „Das ist hier Standard, traurig ist, dass die Kids immer jünger werden, aber sie sehen es ja nicht anders“, sagt Azad, der vor Jahren auch in den Häuserschluchten gestanden hat. Gerettet habe ihn seine Musik und der feste Glaube an sein Talent.

          Fünf Soloalben hat er gemacht, das neueste heißt „Blockschrift“; mehr als 25.000 Menschen haben es gekauft. Azad bedeutet das viel, aber nicht alles. Hauptsache, er könne von dem leben, was er liebe und tue: Musik. „Denn ich bin eigentlich nur Rapper geworden, um das Album zu machen, das ich mir im Laden selbst nicht kaufen konnte.“

          Die Jungs nicken ihm zu und flüstern. Azad lächelt und fährt sich durch die wenige Millimeter kurz geschorenen schwarzen Haare. Wenig später steht er vor seiner alten Schule, der Ernst-Reuter-Schule II am Hammarskjöldring, an der er seinen Realschulabschluss gemacht hat. Hier ist sein ehemaliges Klassenzimmer. „Die ,Leiden des jungen Werthers‘ habe ich hier gelesen“, sagt er. Vom Inhalt habe er allerdings wenig behalten, weil er lieber Faxen gemacht habe. Er lacht, und die daumendicke Goldkette mit einem Schlagring als Anhänger, die er um den Hals trägt, schlägt gegen seine Brust. „Mir geht es heute besser als vielen Lehrern“, sagt Azad, der mittlerweile in Ginnheim lebt und nach eigener Aussage „ganz gut“ verdient.

          Die Charts im Blick

          Sein Selbstbewusstsein stellt er zur Schau: Auf dem breiten Nacken prangt eine knapp zehn Zentimeter große Eins. Mit dem Mixtape „Azphaltinferno“ und dem neuen Album „Armageddon“, beide fast fertig, visiert er diese Position in den Charts auch wieder an. Vor allem aber wolle er seiner Idee von Musik darauf treu bleiben: „Musik ist Expression eines Gefühls, und deshalb mache ich in erster Linie Musik für mich als eine Art Selbsttherapie“, sagt er. Bestimmte Emotionen und Erlebnisse könne er mit seinen Liedern am besten verarbeiten. „Wenn es den Leuten dann gefällt, ist das umso besser.“

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