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: Solo für ein Muttersöhnchen:Edgar Selge spielt "Die Nacht kurz vor den Wäldern" im Schauspiel Frankfurt

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Die Arbeit sei immer anderswo, sagt der ein wenig zart aussehende, noch junge Mann. Aber in die Fabrik wird er keinesfalls gehen: "Ich? Nie!" Durchnäßt steht er auf der Bühne - weil es regnet. Sagt er.

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          Die Arbeit sei immer anderswo, sagt der ein wenig zart aussehende, noch junge Mann. Aber in die Fabrik wird er keinesfalls gehen: "Ich? Nie!" Durchnäßt steht er auf der Bühne - weil es regnet. Sagt er. Tatsächlich aber ist der junge Mann, an den Zuschauern vorbei, mit einem Eimer Wasser auf die Bühne gekommen, den er sich, das Publikum quittiert es mit den ersten Lachern, schwungvoll über den Kopf schüttet.

          Die Pflöcke sind eingeschlagen: Hier spricht einer, der um die Häuser zieht in der großen Stadt. Aber was er sagt und tut, das wird unmißverständlich klargestellt, ist Theater. Knapp zehn Jahre ist Edgar Selge nun schon als Muttersöhnchen, das so gerne ein "Macker" wäre, unterwegs: Premiere hatte der von Jens-Daniel Herzog inszenierte Monolog "Die Nacht kurz vor den Wäldern" des früh verstorbenen Bernard-Marie Koltes 1994 an den Münchner Kammerspielen. Vier Jahre lang stand das Stück auf dem Spielplan, wurde auf Gastspielen, unter anderem bei den Wiesbadener Maifestspielen, gezeigt. Nun läuft die Wiederaufnahme im Kleinen Haus des Schauspiels Frankfurt, als Koproduktion mit dem Schauspielhaus Hamburg, wo Selge demnächst zu sehen sein wird.

          In neunzig Minuten liefert Selge das Bravourstück ab, ein monologisierendes Häufchen Elend zum Leben zu erwecken und gleichzeitig die Mittel des Theaterspiels offenzulegen. Bühnenbildnerin Ulrike Schlemm hat die Spielfläche, bis auf ein paar ausgebaute Sitzreihen, leer geräumt. So gerät Selge jedes Umdrehen der Stühle, jedes Balancieren auf den Vorsprüngen der Brandmauer, jedes Öffnen der Bühnentüren zu einem "Seht her! Es ist alles Theater!".

          Der namenlose junge Mann streunt durch die verregnete Stadt, er ist ein Fremder, oder, vielmehr, er ist "nicht so richtig von hier". In der dumpfen Atmosphäre öffentlicher Toiletten, in U-Bahn-Schächten und an Hausecken wird er schonungslos mit seiner eigenen Schwäche konfrontiert - und der Zuschauer mit seinen Illusionen. Er, der so gerne ein harter Kerl wäre, und ordentlich Hetero natürlich auch, wird von den lüsternen Blicken anderer Männer irritiert und irritiert doch selbst, wird von "Rockern" ausgeraubt und zusammengeschlagen. Er verzehrt sich nach einer Frau, Hure und Mutter zugleich, deren Namen er auf kläglich herausbrüllt: "Mama". Ein Elender, der seinen Haß auf sich selbst und auf die anderen herausschreit, in einer kruden Mischung aus Selbsterkenntnis und Borniertheit, Halbwahrheiten und Klischees. Er trifft einen Fremden, nennt ihn "Kamerad", nutzt ihn als Adressat weltpolitischer Phantasien und Anekdoten aus der Gosse, erklärt ihm die Welt - oder was er dafür hält.

          Der wirkliche Kamerad an diesem Abend aber ist das Publikum: Selge weiß es zu fassen. Die Stimmungswechsel des Muttersöhnchens spielt er nicht nur, er zeigt auch, wie er das macht: Hier eine stereotype Geste, da versuchte Coolness, dort eine Tierimitation. Auch jene Figuren scheinen auf, von denen der junge Mann berichtet: die Hure, der Freier, die Rocker. Es ist ein virtuoses Spiel, das stets als Spiel bewußt bleibt und daher großartig amüsiert. Aus Koltes' tragikomischem Verzweiflungsmonolog hätte leicht ein ziemlich schwerer Brocken werden können. In Herzogs und Selges Version bekommt er Flügel. Eva-Maria Magel

          Nächste Vorstellungen am 4. und 5.März um 19.30 Uhr im Kleinen Haus.

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