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Reaktionen auf den Lockdown : „Ihr seid nicht systemrelevant“

  • Aktualisiert am

Keine Besucher: Auch Kinos müssen im November schließen. Bild: dpa

Künstler, Gastronomen und Sportvereine aus Rhein-Main sind bestürzt über die neuen Corona-Beschlüsse. So reagieren die Branchen auf den „Lockdown light“.

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          Die gravierenden Beschlüsse, um die dramatisch ansteigenden Infektionen mit dem Coronavirus einzudämmen, stoßen zum Teil auf Zustimmung, aber auch zum Teil auf vehemente Kritik, vor allem in der Kultur und in der Gastronomie.

          Kultur

          Mit einem offenen Brief hat das Staatstheater Mainz gegen die „sinnlose Maßnahme“ der Theaterschließungen protestiert. Statt die wenigen gefahrlosen Orte als Chance zu begreifen, werde Kultur verhindert. „Die Akzeptanz für politisches Handeln schwindet. Wir hätten dem gern weiter etwas entgegengesetzt“, schreiben Intendant Markus Müller und sein Team. Das Tanzfestival Rhein-Main, das erst am Freitag beginnt, will dennoch bis einschließlich 1. November spielen. Christopher Bausch, Inhaber der Arthouse-Kinos Frankfurt, hebt hervor, dass nach zehn Millionen Besuchern in Deutschland seit der Wiedereröffnung der Kinos keine einzige Infektion dorthin zurückzuverfolgen war. „Das interessiert niemanden“, sagt er. „Zu Hause findet die Ansteckung statt, und dann macht man die Kultur zu.“ Seines Erachtens hätte sich ein Versuch gelohnt, die Kulturstätten offen zu halten und zu prüfen, was geschehe. „Mit den Fördermitteln ist das kein zweites Mal zu bewältigen. Es wird eng.“

          Anselm Weber, Intendant des Frankfurter Schauspiels, sagt: „Bei allem Respekt vor der politisch schwierigen Situation möchten wir immer wieder darauf hinweisen, dass das Theater ein sehr sicherer Ort ist.“ Er fügt hinzu: „Wenn die nun getroffenen Maßnahmen dazu beitragen, die gesamtgesellschaftliche Situation zu verbessern, werden wir gemeinsam mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Städtischen Bühnen diese erneute Herausforderung stemmen.“ Weber will die betroffenen Premieren „zeitnah“ verschieben und die Ausfälle kompensieren. „Geprobt werden darf weiter“, hebt der Direktor des Hessischen Staatsballetts, Bruno Heynderickx, hervor. Ingo Diehl, Präsident der Hessischen Theaterakademie, fürchtet um die nächste Generation von Künstlern: Wieder entfielen Möglichkeiten für Praktika und Vorstellungsbesuche des Nachwuchses. „Es ist eine vertane Chance, Kunst und Theater als Luxusgut zu verstehen und die Künstler nicht einzubeziehen in die Diskussion, wie man verantwortlich mit der Situation umgeht.“ Es gehe nicht um rein soziale und ökonomische Fragen. „Wir signalisieren der nächsten Generation: Ihr seid nicht systemrelevant.“

          Hotellerie und Gastronomie

          Ungeeignet und unverhältnismäßig: So nennt die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände die Beschlüsse, die eine Zwangsschließung von Gastronomiebetrieben und eine Verschärfung der Beschränkungen in der Reisewirtschaft vom 2. November an bedeuten. Bei Restaurantbesuchen und Hotelübernachtungen gebe es keine gefährliche Anzahl an Neuinfektionen, „weil vernünftige Schutzkonzepte praktiziert werden und gut wirken“. Ähnlich argumentiert der Deutsche Hotel- und Gastronomieverband Dehoga. Er nimmt Bezug auf das Robert-Koch-Institut, laut dem sich nur eine sehr geringe Zahl der Covid-19-Erkrankungen mit Besuchen in Gaststätten in Zusammenhang bringen lasse. Die angeordnete Schließung werde zudem dazu beitragen, dass Menschen sich im unkontrollierbaren Raum träfen und Feiern privat stattfänden. Der Frankfurter Gastronom und Vizepräsident des Dehoga Hessen, Robert Mangold, sagt, der abermalige Lockdown werde für große Teile der Gastronomie „den Tod“ bedeuten.

          Bäder und Sport

          Boris Zielinski, Geschäftsführer der Frankfurter Bäderbetriebe, bedauert die Schließung der Hallenbäder, da die Bäderbetriebe sich für die „neue Normalität“ gut aufgestellt sehen. „Wir als Frankfurter Bäder haben bewiesen, dass wir mit einem sehr guten und funktionierenden Hygienekonzept die Bäder offen halten konnten.“ Auch Peter Völker, Vorsitzender der Frankfurter Turngemeinde-Bornheim 1860 mit mehr als 30.000 Mitgliedern, kritisiert die Beschlüsse: Die Menschen, vor allem die Älteren, seien glücklich gewesen, wieder Sport treiben zu können. Das Gesundheitsamt habe bei dem vorgelegten Hygienekonzept nichts zu beanstanden gehabt. Und auch für die Kinder sei der Sport gerade in der kalten Jahreszeit wichtig. Man könne nicht alles auf Digitalangebote umstelle, weder das Seniorenturnen noch die Schwimmkurse.

          Handel und Industrie

          Für den Einzelhandel brechen bald die wichtigsten Umsatzwochen des Jahres an. Anders als im März dürfen die Geschäfte offen bleiben. Die Beschränkung der Besucherzahlen ist mit einer Person je zehn Quadratmeter nicht so knapp ausgefallen wie befürchtet. Sven Rohde, Geschäftsführer beim Handelsverband Hessen, ist froh, dass die Vorschriften diesmal einheitlich sind. Mit Sorge blickt der Handelsverband jedoch auf den Lockdown für Cafés und Restaurants. Das trübt nach Erfahrungen aus dem Frühjahr die Einkaufsstimmung. „Handel und Gastronomie brauchen sich gegenseitig“, sagt Rohde.

          „Für uns ist das eine Katastrophe, und mir fehlt dafür jedes Verständnis“, sagt Marcus Schwartz, Center-Manager im Einkaufszentrum My Zeil, das erst im vergangenen Jahr die neue Food-Etage und die Astor-Kinos eröffnet hat. Umsatz und Besucherzahlen an der Zeil sind noch nicht auf dem Vorjahresniveau. Etwa ein Viertel fehlt. Mit dem starken Anstieg der Infektionszahlen im Oktober ist es wieder merklich ruhiger geworden in der Stadt, wie Händler berichten. Nach Worten von Eberhard Flammer, Präsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertages, sind die Beschränkungen im Privaten schmerzlich, aber notwendig. Die Einschränkungen der Wirtschaft drohten dagegen mehr Schaden anzurichten, als sie verhindern könnten. „Sie gehen vielen hessischen Unternehmen an die Substanz.“

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