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Sir-Georg-Solti-Wettbewerb : Nachwuchsdirigenten

  • -Aktualisiert am

Schwere Prüfung: Shi-Yeon Sung ist im Finale des Dirigenten-Wettbewerbs Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Viele Kandidaten hat die Jury beim Frankfurter Sir-Georg-Solti-Wettbewerb geprüft. Nun stehen die drei Teilnehmer des Finales fest, unter ihnen erstmals eine Frau.

          Brett Mitchell schwitzt. Auf seinem Hemd bilden sich feuchte Flecken wie Kontinente auf einer Landkarte. Mitchell ficht - mit dem Taktstock in der Hand. Immer wieder stößt er zu. Vor, zurück, vor. Dann hält er inne: „Fantastic!“ Soviel zu Beethoven. Jetzt ist Rachmaninow an der Reihe. Wieder schwingt Mitchell den Dirigentenstab wie ein Florett, mal locker, mal energisch, immer begeisternd. Der linke Arm kreist mal vor, mal zurück. Das Orchester folgt ihm.

          Es sind Spitzenmusiker, die da sitzen, teilweise mit jahrzehntelanger Erfahrung. Mitchell dagegen ist erst 27 Jahre alt. Er ist einer der jüngsten Teilnehmer des dritten Internationalen Dirigentenwettbewerbs Sir Georg Solti, eines Gemeinschaftsprojekts der Alten Oper Frankfurt, der Frankfurter Museums-Gesellschaft, des Hessischen Rundfunks und der Oper Frankfurt, der durch die Deutsche-Bank-Stiftung ermöglicht wird. Schirmherrin ist Lady Valerie Solti, die Witwe des 1997 gestorbenen Dirigenten.

          Am Anfang standen 500 Bewerber aus 72 Staaten. Zur Endausscheidung lud die Jury 24 Kandidaten ein, unter ihnen einen einzigen Deutschen - der Berliner Christoph Altstaedt erkrankte allerdings kurz vor Beginn und sagte ab. Nun sind noch zehn Teilnehmer übrig. Eine Frau und neun Männer, keiner älter als 34 Jahre. Sie kommen aus Rumänien, Korea, Japan, Brasilien, Australien, Frankreich, Spanien, der Schweiz und den Vereinigten Staaten. Sie sind die Besten.

          „Stilistische Sicherheit quer durch die Epochen“

          „Höllentanz“ von Strawinsky. Mitchell läßt das Orchester Passagen wiederholen, unterbricht, gibt Anweisungen, lobt. Es ist wie bei einer normalen Orchesterprobe. Nur daß im Hintergrund der Bühne eine Jury thront und penibel auf alles achtet. „Ein Dirigent muß 50 wichtige Eigenschaften mitbringen“, sagt Wettbewerbsleiter Karl Rarichs. Das technische Können sei nur ein Aspekt. Vor allem Ausstrahlung sei wichtig. „Wie soll der Dirigent sonst das Orchester führen?“ Rarichs legt die Meßlatte hoch: „Wir erwarten eine ungeheure stilistische Sicherheit quer durch die Epochen und haben bewußt Komplexes, rhythmisch Vertracktes ins Programm genommen.“

          Für Brett Mitchell geht es um den Einzug in das Finale. Der Sendesaal des Hessischen Rundfunks ist fast leer. Ein paar Journalisten sind da, ein paar eingeladene Gäste der Alten Oper, und auch Rolf Breuer ist gekommen. Der Ex-Chef der Deutschen Bank ist der Vorsitzende der Final-Jury, die den Sieger kürt. Die Stiftung der Bank finanziert nicht nur den Wettbewerb, sondern zahlt auch die Preisgelder in Höhe von insgesamt 30.000 Euro.

          Ein Kamerateam wuselt auf der Bühne herum, aber das Orchester und Mitchell lassen sich nicht stören. Immer noch dirigiert er Strawinskys „Feuervogel“. „Da-dada-di“, summt der Nachwuchsdirigent, seine Arme zucken, der Oberkörper vibriert. Der Vogel fliegt. Dann ist es vorbei. Die Jury zieht sich zu den Beratungen zurück, Mitchell hat nur einen Gedanken: Ein Glas Wasser! In einem Nebenraum der Bühne treffen sich die Übriggebliebenen. Jetzt heißt es warten. Nur drei von ihnen werden es bis ins Finale schaffen. „Das ist ja nicht wie bei den US Open“, sagt Mitchell, „da ist der Ball entweder im Aus oder nicht.“ Niemand sei wirklich besser oder schlechter. Ein Sieg würde Türen öffnen, glaubt der Amerikaner, der mit Orchestern in Chicago, Pittsburgh und Paris arbeitet. „Und die 15 000 Euro Siegerprämie wären auch nicht schlecht: Mein altes Auto rostet nämlich.“

          Sung, Coorey und Kuwahara im Finale

          Warum er Dirigent geworden ist? „Wenn du willst, daß die Musik so klingt wie in deiner Phantasie, dann mußt du es selbst machen.“ Und was tut ein Dirigent genau? „Sein Job ist es, mit den Musikern ein einheitliches Konzept zu verwirklichen. Jeder von denen kann Beethoven perfekt spielen. Damit es aber zusammen klappt, braucht es eine Einheit. Diese herzustellen ist die Aufgabe des Dirigenten.“ Spielt das Alter eine Rolle? „Früher ja. Als ich 20 war, dachte ich, es wäre ein Problem. Das ist vorbei. Es geht ja nicht um mich. Und auch nicht um das Orchester. Es geht um die Musik.“ Endlich. Die Jury hat sich entschieden. Ein Kamerateam baut sich auf, zwei Radio-Journalistinnen halten ihre Mikrophone bereit. Jeder der Teilnehmer wird einzeln aus dem Nebenzimmer gerufen. Es gibt kein Publikum, auch die Jurymitglieder lassen sich nicht blicken, nur die Presse ist da.

          Ein Assistent verkündet dem ersten Kandidaten: Sorry, Sie sind draußen. Kurz und schmerzvoll. Dann kommt Shi-Yeon Sung, die einzige Frau, die noch dabei ist. Die 31 Jahre alte Koreanerin studiert in Berlin, hat in Potsdam schon Opernaufführungen geleitet und mit den Berliner Symphonikern zusammengearbeitet. Sie kommt weiter. Sie ist die erste Frau, die je im Finale des Wettbewerbs stand. Ebenfalls unter den ersten drei: Matthew Coorey aus Australien. Der „Conductor in Residence“ beim Royal Philharmonic Orchestra in Liverpool stand schon in Sydney, Moskau, London und Seattle am Pult. Ein Platz im Finale ist noch frei. Zwei Teilnehmer warten noch draußen. Brett Mitchell und Shizuo Kuwahara, beide aus den Vereinigten Staaten. Kuwahara tritt als erstes vor die Kamera, um die Entscheidung zu hören: „Herzlichen Glückwunsch, wir sehen uns im Finale.“ Kuwahara springt vor Freude in die Luft. Mitchell ist ausgeschieden. „Nein, jetzt kein Interview bitte“, sagt seine Mimik. Wie ein Boxer steht er da, der nach hartem Kampf ohne WM-Gürtel nach Hause fahren muß.

          Für die Finalisten geht es weiter. Morgen um 11 Uhr stehen sie am Pult im Großen Saal der Alten Oper. Bela Bartok, Richard Strauss und Peter Tschaikowsky gilt es zu dirigieren. Die Proben werden genauso in die Bewertung der Jury einfließen wie die Konzerte selbst. Wettbewerbsleiter Karl Rarichs denkt schon an die nächste Auflage: „Die Deutsche Bank hat die Finanzierung für 2008 schon zugesagt.“ Dann hat Brett Mitchell wieder eine Chance.

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