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„Königin Lear“ in Darmstadt : Sie wirft sich in die Rolle wie in einen tosenden Fluss

  • -Aktualisiert am

Wirft sich in die Rolle wie in einen tosenden Fluss: Karin Klein als Königin Lear. Bild: Thorsten Wulff

Wie aus einer eiskalten Firmenchefin ein armes, altes, ausgestoßenes Weib wird: Gustav Rueb inszeniert „Königin Lear“ am Staatstheater Darmstadt. Karin Klein in der Hauptrolle berührt.

          3 Min.

          Der flämische Autor Tom Lanoye hat sich mit seinen Shakespeare-Eindampfungen und -Überschreibungen auch hierzulande einen Namen gemacht. Bekannt wurde er Ende der Neunzigerjahre mit seinem zwölfstündigen Theatermarathon „Schlachten“, 2015 wurde dann seine „Königin Lear“ uraufgeführt. Kay Voges inszenierte das Stück 2017 am Schauspiel Frankfurt als eisiges Digital-Spektakel. Jetzt bringt es Gustav Rueb an den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt heraus.

          Königin Lear hat keine drei Töchter, sondern drei Söhne, die wie im Original gleich zu Beginn beantworten sollen, wie sehr sie ihre Mutter lieben. Die zwei Ältesten Gregory und Hendrik liebesdienen sich ihr verlogen an, während das Küken Cornald die Antwort aus wahrer Liebe verweigert. Danach bricht ein Sturm der Entrüstung los. Es bleibt nicht der einzige Sturm an diesem Abend. Das Stück spielt vor dem Hintergrund der Finanzkrise von 2008 und zunehmender Umweltzerstörung. Elisabeth Lear herrscht über kein Reich, aber über einen international agierenden Mischkonzern. Die erfahrene Schauspielerin Karin Klein, seit 25 Jahren am Staatstheater Darmstadt engagiert, wirft sich in diese Rolle wie in einen tosenden Fluss.

          Kostüme, Bühne, Geräuschkulisse

          Zu Anfang wirkt sie wie eine Mischung aus Eiserner Lady, Eva Perón und Ivana Trump. Ein blond gestähltes, eiskaltes Etwas, für das es kein besseres Kleidungsstück gibt als den von ihr getragenen eleganten Trenchcoat mit ellenlanger Schleppe. Geschäftsfrau und Königin. Nur eine der tollen desavouierenden Kostümideen von Nina Kroschinske. Die Bühne (Florian Barth) teilt sich zu Beginn in die Privaträume der Herrscherin auf der linken Seite und die Chefinnenetage mit langem Konferenztisch rechts. Dort trifft man sich zur Lagebesprechung. Mitten in der privaten Sphäre sitzt Elija Kaufmann am Schlagzeug und führt von dort immer mal wieder fehlende Energie zu, sorgt für die Geräuschkulisse, trennt mit seinem Musikeinsatz Szenen voneinander oder unterstreicht das Chaos hochschießender Gefühle.

          Auf fast der gesamten Länge der Rückwand zeigt eine Leinwand Filmaufnahmen. Livekameras filmen die Gesichter von unten, bis sie wie Fratzen aussehen. Königin Lear präsentiert in Nahaufnahme ihre Gesichter der Macht. Am Ende sitzt sie als untröstliche Mutter mit ihrem toten Kind im Arm auf dem Boden, in Strumpfhosen, weißen Leibchen, verlaufener Schminke und aufgelösten Haaren. Ein armes, altes, ausgestoßenes Weib. Ein Menschlein. Zuvor durfte sie noch den Rolling-Stones-Klassiker „As Tears Go By“ sprechsingen. Irrsinnig rührend. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Klein ihre Rolle vollends untertan gemacht, zu Beginn wirkt sie noch fahrig, ihr Ton schnarrend. Nach drei Stunden inklusive einer Pause nimmt sie die teilweise stehenden Ovationen erschöpft entgegen.

          Vom Verwirrt- und Weisesein

          Ebenso viel Applaus bekommt sehr zu Recht Mona Kloos, die als Lears Pflegerin, Narr und Gebärdendolmetscherin auf der Bühne steht. Das Dolmetschen erlaubt auch Gehörlosen den Besuch der Vorstellung. Zudem wirkt es wie ein theatraler Booster. Kloos kommentiert, ironisiert und wertet den Text merklich auf. Lanoyes Dialoge sind oft dünn, vieles tönt sehr lala, mehr TV-Dynastie als Shakespeare. Das passt indes zur grobkörnig aufgekratzten, mit Elementen des Boulevards spielenden Inszenierung von Regisseur Gustav Rueb. Die beiden ältesten Söhne, gespielt von Thorsten Loeb und Béla Milan Uhrlau, dienen in diesem Spiel samt ihren Ehefrauen als Karikaturenfutter. Marielle Layher als Jüngster ist zu Beginn ein scheuer Blickfang, schön friert sie ihr Gesicht beim simulierten Facetime-Gespräch immer wieder ein. Am Ende erstarrt sie zum nichtssagend fahlen Gespenst.

          Vor dem tristen Schluss breitet sich ein überwiegend unterhaltsamer Abend aus, der das Publikum mit vielen Ideen und Hinguckern bei Laune hält: Livemusik, Livekamera, Auto auf der Bühne, Außenaufnahmen auf dem Dach und Schalten ins kalte Draußen. Für Langeweile bleibt kaum Raum. Dabei nimmt sich Rueb viel Zeit, um vom Menschen hinter der Herrscherin zu erzählen. Die Finanz- und Firmenkapriolen und die Sorgen der nachfolgenden Generation geraten angesichts immer gültiger Wahrheiten zur Nebensache. Am Ende des Tages erzählt diese „Königin Lear“ vom Altwerden und vom Verwirrt- und Weisesein in einer ziemlich verrückten Welt.

          Nächste Vorstellungen am 18. Dezember, 15. und 21. Januar, 19.30 Uhr, Kammerspiele

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