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Cirque du Soleil : Artistische Phantasie kommt nach Rhein-Main

Kerzenhalter: In Mauros Phantasie schweben vier seiner früheren Geliebten an riesigen Kronleuchtern durch die Luft. Bild: Cirque du Soleil

Der Cirque du Soleil zeigt seine erfolgreiche Zeltshow „Corteo“ nun in Arenen, demnächst auch in der Rhein-Main-Region. Die Zuschauer können sich während der Show auf Detailverliebtheit freuen.

          3 Min.

          Heidi ist jeden Abend froh, wenn Betsy, Alexandr und die anderen vier Racker nicht aus dem Bett gefallen, sondern wohlbehalten auf ihren Füßen gelandet sind. Zu wild ist aber auch das Treiben der sechs Übermütigen, die auf zwei Bettgestellen toben, hüpfen, übereinander Salti schlagen und auf dem Gestänge stehen wollen. Die Szenerie ist allerdings nicht der Wirklichkeit gewordene Albtraum eines Babysitters, sondern Akrobatik in Vollendung, dargeboten in der Show „Corteo“ des Cirque du Soleil.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Amerikanerin Heidi ist nach der reibungslos abgelaufenen Darbietung trotzdem froh. Sie gehört zum Team der Techniker und Handwerker, die die Bühne für das ursprünglich als Zeltshow gestartete, aber im vergangenen Jahr für die Aufführung in großen Arenen umkonzipierte Programm bereiten. Rund sechzig Mitarbeiter sind hinter den Kulissen mit Um- und Aufbauten beschäftigt. Sie halten nicht nur die notwendigen Utensilien für die Artisten, Clowns und Jongleure bereit, sie sorgen auch für deren Sicherheit bei den waghalsigen Aktionen, indem sie Seile fixieren, Karabinerhaken einschnappen lassen, Gestänge im Boden verankern, Sicherheitsnetze spannen und Gerätschaften überprüfen. Jeder Handgriff muss sitzen, selbst wenn es schnell zugeht, weil das Publikum schon gespannt auf die nächste Nummer wartet und sich herrlich amüsiert, wenn Artisten wie die Amerikanerin Betsy Zander und der Kasache Alexandr Yudintsev die tollsten Kapriolen auf den Betten liefern, die tatsächlich Trampoline sind. Sie erlauben den Beteiligten an der Performance „Bouncing Beds“ wahrhaft große Sprünge.

          Zeit fürs Bett: Bei „Bouncing Beds“ geht es hoch hinaus.

          Die Trampolin-Betten sind dabei nur ein Beispiel für das reichhaltige Equipment, das eigens für die Show in den Werkstätten des Cirque du Soleil in Montreal entwickelt worden ist. Da gibt es das sogenannte Tramponet, ein als Trampolin verwendbares Sicherheitsnetz; es gibt eine mehr als zwölf Meter hohe, „Patience“ genannte Stahlkonstruktion, an der mittels dreier Schienen Elemente des Bühnenbilds und die Gerätschaften der Akrobaten auf die Bühne und von ihr wieder hinuntertransportiert werden können. Die selbsttragende Konstruktion kann nach Angaben des kanadischen Zirkusunternehmens überall installiert werden und lässt sich vor allem in relativ kurzer Zeit auf- und wieder abbauen. „In dreieinhalb Stunden können wir die gesamte Bühne und Technik abbauen und sind reisefertig“, berichtet Maxwell Batista, der als Showmanager die Abläufe hinter der Bühne koordiniert.

          Ringe, Reifen und Keulen

          Er sagt es mit einigem Stolz, müssen doch nicht nur Bühnenteile, Beleuchtung und Technik, sondern auch etwa 2000 Kostümteile, 150 Paar Schuhe, kofferweise Schminkutensilien, eine mobile Küche und unzählige Dinge mehr verpackt und in nicht weniger als zwanzig Lastwagen verstaut werden. „Bevor wir die ,Corteo‘-Tour starteten, haben wir erst einmal zwei Tage lang ausprobiert, wie überhaupt die ganzen Kisten in die Trucks zu räumen sind, damit alles hineinpasst“, sagt Batista. Nun sind alle Utensilien wie in einem Baukastensystem markiert und zugeordnet, und in wenigen Stunden ist die kleine Welt hinter den Kulissen mit Schneiderei, Maskenbildnerei, Küche und Verwaltung verräumt, um an einem anderen Ort exakt so wiederaufgebaut werden zu können.

          Kreisverkehr: Mit dem Cyr Wheel geht es rasant über die Bühne.

          Die Zuschauer bekommen von den logistischen Meisterleistungen im Hintergrund nichts mit, wenngleich die Arena-Version von „Corteo“ ungeahnte Einblicke gewährt. In der Mitte einer Halle aufgebaut, teilt die Drehbühne das Publikum in zwei einander gegenüberliegende Bereiche auf. So erleben die Zuschauer die Vorstellung auch aus der Perspektive der Artisten. Neben den Seiten der Bühne sind insgesamt acht Musiker plaziert, die live spielen und dem Programm so die Anmutung einer fröhlichen Prozession verleihen, eines Festzugs („Corteo“ ist das italienische Wort dafür), den allerdings ein Clown lediglich in seiner Einbildung erlebt. Der Schweizer Regisseur und Theaterautor Daniele Finzi Pasca hat sich für die im Jahr 2005 erstmals aufgeführte Show die Geschichte des alten Clowns Mauro ausgedacht, der auf dem Totenbett sein Leben in einer Abfolge glücklicher und kurioser Momente noch einmal an sich vorüberziehen sieht und sich melancholischen und komischen Phantasien über das hingibt, was hätte sein können.

          Also wird in Betten getobt, an riesigen Lüstern geturnt, mittels Wippen bis fast unter das Dach gesprungen, auf Leitern getanzt, mit dem an ein Rhönrad erinnernden Cyr Wheel rasant durch die Gegend gerollt und derart mit Ringen, Reifen und Keulen jongliert, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Rund 50 Akrobaten und Musiker aus 18 Ländern bietet „Corteo“ auf, etwa die Hälfte von ihnen war schon bei der Zelttour dabei, die seit der Premiere vor vierzehn Jahren mehr als acht Millionen Zuschauer gesehen haben. Die andere Hälfte der Akrobaten und Musiker ist für die Arena-Version zu „Corteo“ hinzugestoßen. Einer von ihnen ist der Niederländer Geert Chatrou, der einen der außergewöhnlichsten Auftritte im Programm hat und dafür noch nicht einmal hart trainieren muss. „Ich brauche nur Zunge und Zähne“, lacht er: „Und ein Glas Wasser.“ Chatrou ist Kunstpfeifer, dreifacher Weltmeister in seinem Fach. In der Rolle des Zirkusdirektors Monsieur Loyal hält er den Laden zusammen, und ganz unvermittelt fängt er an zu pfeifen, erst allein und wunderschön, dann im Duett mit der Violine, nicht minder artistisch als die übrige Parade begnadeter Künstler, die nicht nur Mauro eine rauschende Abschiedsvorstellung bescheren.

          „Corteo“ ist vom 30. Oktober bis 3. November in der Frankfurter Festhalle und vom 25. bis 29. Dezember in der SAP Arena Mannheim zu sehen.

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