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Burgfestspiele in Bad Vilbel : Intrigen im Spitzenkragen

Bei „Shakespeare in Love“ in Bad Vilbel blühen turbulente Verwicklungen. Bild: Eugen Sommer

Der Kinoblockbuster „Shakespeare in Love“ hat die Bühne der Burgfestspiele in Bad Vilbel erobert. Ironisch-eindringliche Pointen lassen das Publikum am Premierenabend lange jubeln.

          Gekränkte Schauspieler sind die Würze des Theaters – zu Shakespeares Zeiten wie heute. Ausgezeichnet mit sieben Oscars, zeigte der Film „Shakespeare in Love“ 1998, wie dramatisch es im elisabethanischen Theater zuging und wie eine dramatische Handlung zustande kommen kann. Etwa bei „Romeo und Julia“. Für die Dramatik ist der junge John Webster zuständig, der die Julia spielen möchte, aber beim Verfasser abblitzt, weil dieser Thomas Kent vorzieht, der sich bald wiederum als Mädchen Viola entpuppt. Webster ist gekränkt und denunziert die Truppe beim Hofzensor, der das Rose Theatre wegen öffentlichen Ärgernisses schließt: Damals durften nur Männer auf der Bühne stehen, auch in Frauenrollen. Später denunziert Webster auch das Liebespaar Shakespeare und Viola, denn die betuchte Erbin ist schon Lord Wessex versprochen.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Kinoblockbuster hat jetzt auch die Bühnen erobert. Voriges Jahr haben die Bad Hersfelder Festspiele ihn für die deutsche Erstaufführung adaptiert. Jetzt ist „Shakespeare in Love“ bei den Burgfestspielen Bad Vilbel zu sehen. Niklas Schmidt spielt den hämischen Webster, der in den Stücken des jungen Shakespeare gern Blut fließen sieht. Er ist nur eine stille Nebenfigur in der Inszenierung von Milena Paulovics, aber unverzichtbar für das Schicksal der Hauptfiguren im Jahre 1593 – in dem die Theater südlich der Themse tatsächlich geschlossen waren, weil die Beulenpest in London grassierte. Auch der Dramatiker Christopher Marlowe gehört als Shakespeares bester Freund zu den Hauptfiguren: Sebastian Zumpe mit seiner frühbarocken Mähne ist schön wie der „Sommertag“ in Shakespeares 18. Sonett.

          Gefoltert wird auch

          Marlowe muss Shakespeare als Souffleur auf die Sprünge helfen, denn der junge Dichter hat eine Schreibblockade. Erst Viola bringt ihn poetisch in Fahrt. Bert Tischendorf und Nele Sommer sind ein dynamisches Bühnenpaar auf Augenhöhe. Der Titelheld kann aber nicht nur dichten, sondern auch fechten, wie er beweist, sobald er mit seinem Rivalen Wessex so virtuos und furios den Degen kreuzt, dass man beinahe Angst um die beiden Schauspieler hat – auch wenn man Wessex die Londoner Pest an den Hals wünscht, weil Martin Bringmann ihn als bestialische Verkörperung des elisabethanischen Zeitgeists vorführt. Etwa wenn er Frauen als „Maultiere der Christenheit“ verunglimpft. Später wird er gemeinsam mit dem Zensor (Harald Schwaiger) an ein hölzernes Zahnrad gebunden (Bühne Pascale Arndtz).

          Ja, gefoltert wird auch. Shakespeares Impresario Philipp Henslowe (Peter Albers) ist die Kohle ausgegangen, deshalb lässt ihm Geldgeber Fennyman (Andreas Krämer) glühende an die Fußsohlen drücken. Richard Burbage, Starschauspieler der späteren Chamberlain’s Men, rettet seine Konkurrenten von der Bankside, indem er sie samt „Romeo und Julia“ in sein Curtain Theatre übernimmt. Als düsterer Fährmann macht Matthias Eberle darauf aufmerksam, dass das Curtain am nördlichen Ufer der Themse liegt. Eberle beeindruckt wie Zumpe in den opulenten historischen Kostümen von Marion Hauer. Übertroffen nur noch von Anette Daugardt als Königin Elisabeth mit Spitzenkragen und grün schimmerndem Goldbrokat.

          Der Majestät ist es vorbehalten, das Chaos zu ordnen, das Eros und sein verbündeter Denunziant angerichtet haben. Und sie tut dies mit geradezu salomonischem Durchblick. Das wollige Handpuppen-Schoßhündchen, das Lord Wessex außer Gefecht setzt, ist ein trendig-sarkastischer Kommentar der Regisseurin, die auch sonst auf ironisch-eindringliche Pointen setzt. Dann jubelt das Publikum. Und es jubelte lange am Premierenabend.

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