https://www.faz.net/-gzg-a42hm

„Sensemann & Söhne“ in Mainz : Theater fast wie vor Corona

Im Bildhaueratelier deiner Existenz: „Sensemann & Söhne“ formt ein amüsantes und anrührendes Spiel aus unserem Umgang mit dem Sterben. Bild: Candy Welz

Ein Stück über den Tod und über alle, die mit ihm zu tun haben: „Sensemann & Söhne“ ist im Staatstheater Mainz die erste Premiere, bei der die Gäste immerhin im Schachbrettmuster sitzen dürfen.

          2 Min.

          Was für ein Aufwind! Auf der Bühne und im Saal. Im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz sitzt man zum ersten Mal wieder fast so, wie es im März üblich war. Jedenfalls so, dass ein Riesenschlussapplaus auch so klingt. Und die Lacher zwischendrin nicht wie Gelächter am Abgrund. Ein besseres Stück als „Sensemann & Söhne“ hätte man wohl kaum auswählen können, um die erste Premiere eines hiesigen Theaters im Schachbrett-Sitzmuster zu feiern. Ein Stück über den Tod und über alle, die mit ihm zu tun haben. Das klingt, gerade derzeit, fordernd und ein bisschen makaber. Es ist aber witzig und aufschlussreich.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und es gibt Momente der Stille, in denen manche womöglich sogar feuchte Augen kriegen. Könnte sein, dass der große Beifall am Ende nicht nur dem großartigen Ensemble und Regisseur Jan Neumann gilt, sondern ein wenig auch der Tatsache, dass sich diese Koproduktion trotz aller Widrigkeiten hat realisieren lassen, jetzt sogar mit einem immerhin halbvollen Haus. Heutzutage fühlt sich das schon wie vollbesetzt an.

          Da mögen die Hessen, ein paar hundert Meter auf der anderen Rheinseite, mit dem Zollstock nachmessen, ob drei oder zwei freie Sitze zwischen Einzelnen und Gruppen reichen: In Rheinland-Pfalz sitzt jetzt jeder reihenweise versetzt für sich allein, mit je einem Sitz Abstand, was ja auch jenseits von Corona einiges für sich hat – mehr Armfreiheit, weniger Gequatsche, mehr Theatergefühl. Die extra mit Bühnennebel getestete und vollaufgedrehte Frischluftanlage sorgt für kräftige Windbewegungen, wenn es draußen kalt wird, könnte eine Jacke nicht schaden.

          123 Erkältungen und 2134 Feinstrumpfhosen

          Aber für das gute Gefühl, wieder eine Gemeinschaft zu sein, die Theater erlebt, kann man das getrost in Kauf nehmen. Erst recht, wenn auch das, was auf der Bühne verhandelt wird, alle angeht. Sterben ist schließlich, wie das Geborenwerden, für den Menschen unumgänglich. Und dass das auch gut so ist, vielleicht sogar mit dem ganzen grässlichen Kuddelmuddel namens Leben dazwischen, gehört zu Neumanns „Sensemann & Söhne“.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Er hat den Text seiner Tragikomödie gemeinsam mit seinem Ensemble entwickelt und inszeniert. Für ihn, einst Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt, ein mittlerweile bewährter Prozess. Auch für das Nationaltheater Weimar und das Staatstheater Mainz, die schon öfter kooperiert haben, etwa für Neumanns „Drei Mal die Welt“. Trotz Corona-Beschränkungen konnten Neumann und sein Team mit Sterbebegleitern, Bestattern, Ärzten und Trauerrednern sprechen, um Gefühle und Haltungen kennenzulernen. Neumann hat sie mit großem Geschick in typische Rollen gefasst. Die Schauspieler, zwei aus Mainz, drei aus Weimar, ergänzen sich in zahlreichen Rollenwechseln wunderbar.

          Annemarie Schmidt hatte 134 Erkältungen und 2134 verschlissene Feinstrumpfhosen, ein komplett durchschnittliches deutsches Leben also und einen, wie man so sagt, schönen Tod: zum Nachmittagsschlaf pumperlgesund hingelegt, nie wieder aufgewacht. Alle, die mit ihrer Beerdigung zu tun haben, lernen wir kennen: jeder für sich ein Universum, alle aber irgendwie auch Durchschnitt, weshalb jeder sich wiederfinden kann.

          In Max Landgrebe als schnöseligem Arzt, der routiniert Schmidts Totenschein ausstellt, mal ausbrechen wollte und aus Florida zurückkam in die Kleinstadt, weil seine Tochter gestorben ist. In Isabel Tetzner als junger Bestatterin Steffi und ihrem Vater Hensemann (Sebastian Kowski), jenem alten Hasen im Bestattungsgewerbe, der selbst nicht über eine Patientenverfügung nachdenken will.

          Plastikrosen zu Skulpturen matschen

          Henner Momann ist der evangelische Pfarrer, der für seine Predigt das Beste will und an Schmidts durchschnittlicher Biographie verzweifelt, bis ihm, vielleicht, Gott zu Hilfe kommt. Und Anika Baumann läuft zu Broadway-Glamour auf, wenn sie als alleinerziehende Kellnerin „Das Leben ist ein einziges Müssen“ schmettert, den Höhepunkt von Johannes Windes geradezu filmmusikalischer Ausstattung.

          Wenn sie im Abendkleid Plastikrosen zu Skulpturen matscht und über ein Hospiz erzählt, passt plötzlich, dass das Ganze in einem Bildhaueratelier (Bühne Matthias Werner) spielt. Überhaupt ist genaues Hinhören und Hinschauen kein Fehler bei diesem auf den ersten Blick so leichten Stück. Aber wo ist es das nicht? „Sensemann & Söhne“ dürfte noch sehr viele Zuschauer begeistern.

          Nächste Vorstellungen am 7. und 14. Oktober von jeweils 19.30 Uhr an

          Weitere Themen

          Sonderpreis für Sechzehnjährigen

          Hessischer Gründerpreis : Sonderpreis für Sechzehnjährigen

          Trotz Corona-Krise haben sich in diesem Jahr mehr Start-ups als sonst für den Hessischen Gründerpreis beworben. Dreizehn von ihnen sind ausgezeichnet worden – und der jüngste Gewinner ist gerade einmal 16 Jahre alt.

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

          Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.
          Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

          Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

          Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.
          Torreiche Partie: Wolfsburg besiegt Bremen.

          5:3-Sieg gegen Bremen : Wolfsburg gewinnt packendes Nordduell

          Das Spiel zwischen Wolfsburg und Bremen entwickelt sich schnell zu einer turbulenten Partie. Beide Mannschaften liefern sich einen sehenswerten Schlagabtausch. Am Ende freuen sich die Wölfe über einen verdienten Jubiläumserfolg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.