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„Tigerpalast“ : Selbst der Offenbacher Bürgermeister kommt zu Klinke

  • -Aktualisiert am

Quergelegt: Marina Bouglione am Vertikalseil Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Während Oberbürgermeisterin Petra Roth die Buchmesse in Peking eröffnet hat, hat sie in Frankfurt die Herbstpremiere des Varietétheaters „Tigerpalast“ verpasst. Dort nahm Margarete Mitscherlich geduldig alle Huldigungen entgegen.

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          Wo hat Goethes Stellvertreter auf Erden den Geburtstag Goethes gefeiert? Nein, nicht im Schauspiel Frankfurt bei der Aufführung einer dramatisierten Fassung der „Wahlverwandtschaften“. Hilmar Hoffmann hat es – in den Worten Fausts – „zu neuem, bunten Leben“ hingezogen. Also zur Herbstpremiere des „Tigerpalasts“. Wahrscheinlich hat sich der frühere Goethe-Präsident Fausts Stoßseufzer zu Herzen genommen: „Ach Gott! Die Kunst ist lang! Und kurz ist unser Leben!“

          So ist es nun einmal in einer Großstadt, man hat die Wahl. Und zumindest Hoffmann hat bei seiner Entscheidung überhaupt keine Qual empfunden. Im Gegensatz zu Bildungsdezernentin Jutta Ebeling, die nicht nur der Bildung, sondern auch ihres Bürgermeisteramtes wegen zu Goethe und Frau Schweeger ins Theater musste.

          Königin der Frankfurter Herzen

          Nachdem dort das letzte Wort gesprochen war, ist sie dann aber flugs in den „Tigerpalast“ geeilt, doch dort war zu diesem späten Zeitpunkt auch schon der Vorhang gefallen. Immerhin war die Bürgermeisterin würdig vertreten worden, nämlich von nahezu dem gesamten Magistrat, sieht man einmal von Kulturdezernent Felix Semmelroth ab, der keine Wahl hatte, weil eine Entscheidung gegen Goethe ihn vermutlich das Amt gekostet hätte.

          Claus Wisser turtelt mit Varieté-Direktorin Margareta Dillinger
          Claus Wisser turtelt mit Varieté-Direktorin Margareta Dillinger : Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

          Die oberste Chefin freilich ist dem „Tigerpalast“ untreu geworden. Oberbürgermeisterin Petra Roth ritt – bildlich gesprochen – zu dieser Zeit einen größeren, nämlich den chinesischen Tiger, sie eröffnete an Stelle von Kanzlerin Angela Merkel die Buchmesse in Peking. Allerdings hat sie dadurch etwas versäumt. Nämlich eine einfache Rechnung von Varietédirektor Johnny Klinke, die das Stadtoberhaupt vermutlich euphorisiert hätte. Anhand der Ergebnisse der Oberbürgermeisterwahl legte Klinke zwingend dar, dass Roth mehr als eine Wahlsiegerin ist, nämlich die absolutistische Königin der Frankfurter Herzen.

          70 Prozent der Wähler sind, so des Direktors Ausführungen, nicht zur Urne gegangen, was als stumme Zustimmung für Roth zu werten sei. Von den abgegebenen Stimmen habe sie 60 Prozent erhalten, was nach Adam Riese – 70 Prozent plus 60 Prozent – ein Ergebnis von 130 Prozent ergebe. Solche Wahlresultate, da kann sich Roth ja jetzt in Peking erkundigen, gibt es nicht einmal in China. Die Königin der Herzen ist indes würdig von der Königin der Seelen vertreten worden. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich nahm bei ihrer ersten „Tigerpalast“-Premiere in 90 Lebensjahren mit majestätischem Lächeln geduldig alle Huldigungen entgegen.

          Geniale Komik des russischen Clown

          Kurz vor ihrem Abflug nach China hat die Oberbürgermeisterin noch schnell die Ressorts im Magistrat neu verteilt. Der dabei unter die Räder geratene Stadtrat Boris Rhein, dem Roth die Zuständigkeit für Ordnung und Sicherheit entzogen und dafür das Wirtschaftsdezernat aufs Auge gedrückt hat, hätte sich nach dem Premierenabend wohl besser gegen Roths Fesselungsstrategie wehren können. Denn der Lasso-Künstler Vince Bruce hat dem Jung-Stadtrat auf höchstem Niveau gezeigt, wie man jeder Schlinge entkommt, die einen zu binden droht. Beim nächsten Gang ins Oberbürgermeister-Büro sollte sich Rhein nach dem Vorbild des Amerikaners zwei Peitschen ins Halfter stecken, denn wie sagte Nietzsche so treffend: „Gehst du zum Weibe, . . .“

          Auch Neu-Stadtrat Stein, monatelang wegen seines fehlenden Ressorts Volker Ohneland genannt, dürfte mit ganz neuen Erkenntnissen den „Tigerpalast“ verlassen haben. Er, der neue Ordnungsdezernent, liebt bekanntlich schmucke Offiziersuniformen und würde jetzt im ersehnten Amt auch seine Hilfspolizisten gerne schneidiger ausstaffieren. Die Töpfe, welche das Outfit des fabelhaften russischen Clowns Mikhail Usov schmückten, dürften Stein eine gute Anregung gegeben haben.

          Vor allem die Pfanne auf Usovs Kopf erscheint auch unter Gesichtspunkten der Sicherheit interessant – schussfest wie ein Stahlhelm und dabei formschön. Der genialisch komische Usov hat übrigens die erste und die zweite Hälfte der Vorstellung mit seiner Nummer abgeschlossen, ein so ergreifend melancholisches Ende mit Träne im Knopfloch hat es bisher im „Tigerpalast“ noch nie gegeben.

          Auftritt der Piaf-Interpretin Maria Happel

          Und welchen politischen Schluss hat der Sieger der Magistratsumbildung, der durch die Betrauung mit dem Liegenschaftsamt zu einem kompletten Planungsdezernenten mutierte Edwin Schwarz, aus der Show gezogen? Vielleicht den, dass er erfolgreich ist, wenn er als Dezernent mit dem Stadtkämmerer so perfekt harmoniert wie die Zwillinge La Salle aus New York.

          Die beiden Jongleure boten neben dem Clown Usov und Marina Bouglione am Vertikalseil die Überraschungsnummer des Abends. Wobei ihnen das elegante „Duo Nostalgia“ am Trapez, die schöne Hula-Hoop-Tänzerin Tatiana Koval und die Antipodin Consuelo Reyes nicht viel nachstanden. Wäre der Magistrat auf so hohem Niveau besetzt wie die Herbstshow des „Tigerpalasts“, es müsste einem um Frankfurt nicht bange sein.

          „Je ne regrette rien“ – „Ich bedauere nichts“, sang ganz zuletzt die großartige Piaf-Interpretin Maria Happel, die noch bis Sonntag die neue Show moderiert. Und gewiss hat keiner der Gäste bedauert, dass er an Goethes Geburtstag in den „Tigerpalast“ gekommen ist: nicht Arno Lustiger und Trude Simonsohn, nicht der Rechtsanwalt Nikolaus Hensel, der Messechef Michael von Zitzewitz oder der Flughafen-Vorsitzende Wilhelm Bender, noch Alexandra Prinzessin von Hannover und ihr Begleiter Moritz Prinz von Hessen und schon gar nicht Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider, den seit einer gewissen Fußball-Wette eine junge Freundschaft mit Klinke verbindet. Nur Frau Ebeling hätte vermutlich nicht in den Chor eingestimmt. Doch Macht fordert nun einmal ihren Preis.

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