https://www.faz.net/-gzg-9l95f

Dvořáks „Rusalka“ in Darmstadt : Das sieht sehr übersichtlich aus

Rosa Rüschen für die Menschenwelt: Katharina Persicke als Rusalka Bild: © Hans Jörg Michel

Nebel gibt es den ganzen Abend über reichlich. Doch wäre die Nixe besser im Wasser geblieben: Antonín Dvořáks „Rusalka“ überzeugt in Darmstadt nur musikalisch.

          3 Min.

          Von der Ausstattung und den Lichteffekten her wirkt Dvořáks „Rusalka“ in der Neuproduktion des Staatstheaters Darmstadt mit allerlei optischen Reizen wie die Märchenoper, als die das Werk gedacht war. Auch wenn die Titelfigur mit blauem Kleid und grauer Jacke für eine Nixe ziemlich zivil gekleidet ist, können die glitzernden Hügel um sie herum, das schimmernde Licht und die Videoprojektionen doch gut als Unterwasserwelt oder mythische Landschaft im Urnebel gesehen werden (Bühne: Lani Tran-Duc, Kostüme: Hannah Barbara Bachmann).

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nebel gibt es den ganzen Abend über reichlich, wie Intendant Karsten Wiegand eigens vorab erläutert: gleichsam als Ersatz für den ursprünglich vorgesehenen Bodenbelag aus Schaumstoffschnipseln, der einen schlammig-morastigen Untergrund hätte vorstellen sollen. Jedoch habe der zuvor tadellose Schaumstoff in der Generalprobe irgendetwas „ausgedünstet“, was den Sängern auf die Stimmen geschlagen sei. So sei der größte Teil des Zeugs weggeräumt worden. Kurios genug, um berichtet zu werden, für das Regiekonzept grundsätzlich jedoch nicht entscheidend.

          Unerfahren in Liebesdingen

          Das sah nach der Idee der jungen, in ihrem Handwerk noch merklich unerfahrenen Regisseurin Luise Kautz etwa Folgendes vor: Die arme Wassernixe ist „in der Pubertät“ (Zitat Kautz), muss in Liebesdingen also erst noch Erfahrungen sammeln und darf daher nicht verdammt werden, muss sich aber am Ende emanzipieren, während der böse, triebgesteuerte Prinz, der sie als seine Beute betrachtet und keinerlei Liebe für sie empfindet (auch wenn die Musik ganz anders klingt), nicht einfach so Erlösung im Liebestod finden darf. Am Schluss erwacht er daher, nachdem es zuvor eine ganze Weile lang so ausgesehen hatte, als sei er, ausnahmsweise passend zur Musik, tatsächlich eines glücklichen Todes gestorben, denn auch wieder zu neuem Leben, sitzt eine Weile lang bedröppelt da und wühlt nachdenklich in den noch vorhandenen Resten des stimmgiftigen Schaumstoffschlamms der Veränderung. Man mag sich die Fortsetzung selbst imaginieren: Beim nächsten Mal sollte er Wassernixen nicht mehr so einfach über die Schulter nehmen und abschleppen.

          Lippe, plakativ: Szene aus Rusalka in Darmstadt
          Lippe, plakativ: Szene aus Rusalka in Darmstadt : Bild: © Hans Jörg Michel

          Von der Personenführung und der Charakterzeichnung gelingt es Kautz nicht ansatzweise, ihre als modern und speziell für junges Publikum gedachte Wunschprojektion dem Stück einleuchtend überzustülpen. Alles geht völlig an Musik und Geschichte vorbei. Liebe spielt in diesem Konzept keine Rolle, offenbar auch von Rusalkas Seite her nicht, so dass vollkommen unklar bleibt, was sie vom Prinzen will. Jeder dramatische Konflikt fehlt, was ausgesprochen langweilig ist. Und Sex? Na ja, nicht wirklich, nachdem der böse Prinz mit den schönen Melodien sogleich versucht hat, über Rusalka herzufallen. Ansonsten singen alle, meist mit dem Blick ins Publikum an der Rampe stehend, nebeneinander her. Interaktionen finden nicht statt. Man könnte ebenso gut jeden Darsteller auf sein Handy glotzen lassen. Das wäre dann noch moderner.

          Mangel an tenoraler Strahlkraft

          Die Sänger haben also schweres Spiel. Der Rusalka gibt Katharina Persicke allerdings gleich in der Anfangsszene mit Traurigkeit und Tiefe eine beträchtliche Reife, während sie nach ihrer Verwandlung durch die Hexe Ježibaba in der Menschenwelt im rosafarbenen Reifrock konzeptgemäß naiv umhertapst und erst ganz am Schluss schlagartig selbstbewusst wird und stolz erhobenen Hauptes in den Bühnenhintergrund zu neuen Taten schreitet. Der feine lyrische Gesang der zum Ensemble gehörenden Sopranistin ist jedenfalls mit das Beste des Abends.

          Als Prinz forciert Thorsten Büttner nicht, jedoch fehlt es ihm an tenoraler Strahlkraft. Als Wassermann schillert Johannes Seokhoon Moon im Silberdress, stimmlich weniger, recht uncharakteristisch. Der fremden Fürstin, der eigentlichen Bösen im Stück, verleiht Katrin Gerstenberger eine Stimme, wie sie auch zu Wagners Ortrud passen würde, darin Elisabeth Hornung ähnlich, die als Hexe gleichwohl unerwartet sympathisch wirkt und sich so am besten der Buffo-Sphäre von Wildhüter (Julian Orlishausen) und Küchenjunge (Xiaoyi Xu) beiordnet.

          Gesungen wird auf Deutsch in einer neueren Textfassung, die mitsamt ihren falschen Betonungen oft holprig klingt, zum Teil sogar musikalische Phrasen zerstückelt und ohne die Übertitel längst nicht immer zu verstehen ist. Die Charme-Einbußen gegenüber dem tschechischen Original sind groß. Ausgeglichen wird das durch das Staatsorchester Darmstadt und Daniel Cohen, der als neuer Generalmusikdirektor mit „Rusalka“ seine zweite Opernproduktion souverän leitet. Alles klingt sehr farbig und zugleich sängerfreundlich, in den schlanken Passagen kammermusikalisch, in den wuchtigen ohne Gesang zugkräftig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach dem Parteitag : Baerbock in der grünen Idylle

          Ideologisch motivierte Übertreibungen lassen sich nicht mit idyllischen Visionen übertünchen. Wie die Grünen damit umgehen, wird darüber entscheiden, ob Baerbock als Kanzlerkandidatin ernst zu nehmen ist.
          Ein Schweizer Bereitschaftspolizist mit einer Gummigeschosspistole während einer Demonstration in Zürich am 1. Mai

          Trotz heftiger Kritik : Schweizer stimmen für strenges Anti-Terror-Gesetz

          In einem Referendum haben sich die Schweizer für schärfere Anti-Terror-Maßnahmen ausgesprochen. Die Polizei kann künftig vorbeugend gegen potentielle Gefährder vorgehen. Kritiker sprechen von einer Verletzung der Grundrechte.
          Rentnerinnen im Rasenlabyrinth von Eilenriede

          Alterssicherung : Das Rentenversprechen

          Eine der großen Zusagen der Sozialen Marktwirtschaft ist finanzielle Sicherheit im Alter. Was ist es noch wert?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.