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Schriftbild am Schauspiel : „Deutsch mich nicht voll“

Gedenken an die Opfer des Attentats in Hanau: Arbeit von Naneci Yurdagül am Frankfurter Schauspielhaus Bild: Finn Winkler

Das riesige Kunstwerk am Schauspiel ist Teil des Gedenkens: Die vier Wörter des in Frankfurt geborenen Künstlers Naneci Yurdagül setzen einen Gefühls- und Gedankenstrom in Gang, der das Ungeheuerliche umkreist, ohne sich direkt darauf zu beziehen.

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          Vor zehn Jahren mussten die Besucher seiner Ausstellung „Bourquoi“ mit Burkas bekleidet durch die Räume des Wiesbadener Kunstvereins wandeln. Vor fünf Jahren hängte er in Istanbul Handtücher, wie sie im Hamam genutzt werden, an Wäscheleinen über die Straße. Vor zwanzig Jahren schon brachte er die nachdrückliche Bitte „Deutsch mich nicht voll“ oben an der Fassade der Berliner Volksbühne an. Jetzt prangt sie an der Glasfassade des Frankfurter Schauspielhauses.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die vier Wörter gibt es in unterschiedlichen Versionen, auch als Leuchtschrift, aber der vom 1983 in Frankfurt geborenen Künstler Naneci Yurdagül geprägte Satz fand auch unautorisiert Eingang in die Antifa-Folklore: Er taucht da und dort auf Plakaten oder Zetteln der linken Szene auf. Nun steht er als monumentaler Aufruf mitten in der Stadt, ein Werk, das in Zusammenhang mit dem ersten Jahrestag der Morde an Menschen mit migrantischem Hintergrund in Hanau schreckliche Aktualität gewinnt. Dreizehn Banner mit weißen Buchstaben auf violettem Grund tragen nicht etwa eine Botschaft in die Welt, so plakativ diese Arbeit auch wirken mag.

          „Deutsch mich nicht voll“ ist für den des Hessischen kundigen Bildhauer, Performance- und Schriftkünstler vielmehr hergeleitet von Sprechakten wie „Babbel mich nicht voll“, „Laber mich nicht voll“, „Quatsch mich nicht voll“. Was damit gewöhnlich zum Ausdruck kommen soll, ist das Bedürfnis, sich nicht den Meinungen, Zuschreibungen, Thesen anderer auszusetzen. Dergleichen sagt man eher bei informellen Gelegenheiten, zu Leuten, die man kennt, oder dann doch auch einmal zu notorischen Nervensägen. Yurdagül äußerte selbst, sein Satz habe nichts mit Deutschtum oder Deutschtümelei zu tun, sondern müsse im Kontext mit Entwicklungen überall auf der Welt gesehen werden, die in den vergangenen Jahren für Abgrenzung und Abwehr gesorgt haben, man denke nur an die Verschwörungsmythen, die allenthalben kursieren.

          Teil des Gedenkens

          Als Städelschüler, der bei Tobias Rehberger studiert hat, kennt der Künstler eine weltoffene Atmosphäre, in der Globalisierung kein leerer und erst recht kein abwertender Begriff ist, sondern sich auf eine Kunst richtet, die trotz mancher regionaler Unterschiede eine universelle Basis hat. Sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die Welt differenziert zu sehen, sich auch mit den Paradoxien und Ambiguitäten zu beschäftigen, die das Leben mit sich bringt, ist für international tätige Künstlerinnen und Künstler selbstverständlich. Um so schroffer ist der Gegensatz zu einer Vorstellungswelt, aus der sich das Attentat speist, dessen Opfer am 19. Februar im Mittelpunkt stehen.

          Das riesige Kunstwerk am Schauspiel ist Teil des Gedenkens. Die Frage, wie eine unfassbare Tat künstlerisch bearbeitet werden kann, muss eigentlich so beantwortet werden: Gar nicht. Mit dem minimalistischen Text an der Wand einer Kulturinstitution, die sich der Aufklärung und dem Humanismus verpflichtet fühlt, wird jedoch ein Gefühls- und Gedankenstrom in Gang gesetzt, der das Ungeheuerliche umkreist, ohne sich direkt darauf zu beziehen.

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