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Schirn Kunsthalle : Gänsehaut auf dem Dancefloor

Rauschhafter Trip durch die Straßen Manhattans: Ryan McGinleys Musikvideo für die isländische Band Sigur Rós Bild: Foto Ryan McGinley and Ratio3, San Francisco

Die Schirn Kunsthalle zieht es ein Wochenende lang in die Clubs. Gezeigt werden Musikvideos aus Künstlerhand.

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          Die alte Binsenwahrheit, dass im Scheitern viele Chancen stecken, bewahrheitet sich auch im Fall der Musikvideos. Erfunden wurden sie von der Musikindustrie, um damit nur noch mehr Geld zu scheffeln. Mit den pompös inszenierten Clips wollte man die Plattenverkäufe ankurbeln, Sendern wie MTV oder VIVA verdanken die hollywoodreifen Videos, für deren Produktion Unsummen ausgegeben wurden, ohne dass deshalb irgendein Controller mit der Wimper zuckte, ihren Aufstieg zur Massenware.

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch mit der Krise der Musikindustrie zur Jahrtausendwende begann auch der Abstieg des Musikvideos. Fragt man heute Jugendliche, die den halben Tag oder mehr auf Youtube verbringen, ob ihnen der Begriff MTV etwas sagt, wird man kaum mehr als ein Kopfschütteln ernten.

          Neue Experimentierfreude

          Die Möglichkeit, die sich aus dem Scheitern des klassischen Musikclips ergab, war Experimentierfreude. Plötzlich mussten die Videos kein Massenpublikum mehr zufriedenstellen und auch nicht mehr aussehen wie die immergleichen Blockbuster, sondern es durfte etwas gewagt werden. Die Gunst der Stunde schlug für Regisseure wie den Franzosen Michel Gondry, der Kylie Minogue, die Chemical Brothers oder Fat Boy Slim mit waghalsig-schrägen Videos in Szene setzte. Oder für Chris Cunningham, der von avantgardistischen Elektronikfricklern wie Aphex Twin genauso gebucht wurde wie von der Pop-Ikone Madonna. Und auf einmal kamen auch immer mehr bildende Künstler dazu, die sich an die Produktion von Musikvideos machten.

          Schirn-Ausstellung an ungewohnten Orten: Besucher schauen im Im „Yachtclub“ ein Musikvideo von Allison Schulnik
          Schirn-Ausstellung an ungewohnten Orten: Besucher schauen im Im „Yachtclub“ ein Musikvideo von Allison Schulnik : Bild: Frank Rumpenhorst

          Die Grenzen zwischen Kunst und Pop waren da sowieso schon längst durchlässig geworden. Von der neuen Offenheit profitierten beide Seiten: Die Künstler wurden durch die Clips weit über die üblichen Zirkel hinaus wahrgenommen, die Popmusiker ließ das Wechselspiel intellektuell auf der Höhe der Zeit und weltmännisch erscheinen.

          Knetfiguren und Bizarres

          Dass die von Künstlern gedrehten Musikvideos in den Museen bislang noch keine besonders große Rolle gespielt haben, verwundert deshalb. Die Frankfurter Schirn Kunsthalle aber widmet ihnen unter dem Titel „Distant Bodies Dancing Eyes“ nun eine eigene Schau, verlässt dafür jedoch den „white cube“. Gezeigt werden die 24 Musikvideos aus Künstlerhand, die Kurator Matthias Ulrich ausgewählt hat, nicht in den Ausstellungsräumen der Schirn, sondern in acht Clubs in Frankfurt und Offenbach. Das hat durchaus Charme: Endlich gelangt man, der Kunst sei Dank, einmal wieder an die Orte, die einem die Pandemie so lange vorenthalten hat. Plötzlich vertieft man sich dort in Bildwerke, wo vor eineinhalb Jahren noch exzessiv gefeiert wurde.

          Nicht alles, was einem beim Rundgang durch die sonst gerade ungenutzten Clubs vor den Augen flimmert, erschlägt einen mit Brillanz, manche Clips unterscheiden sich kaum von den üblichen Tanzvideos. Andere dagegen glänzen umso mehr. Etwa das Video, dass der Fotograf Ryan McGinley aus den Fenstern verschiedener New Yorker Appartements heraus für die isländische Indieband Sigur Rós gedreht hat und im Gibson-Club läuft. Eine Frau mit goldglitzernder Perücke sieht man darin durch Manhattan hüpfen. Barfuß rennt sie zwischen Passanten, Fahrzeugen, Plätzen, Straßen und Brücken hin und her, befreit, euphorisch, unter Strom. Herausragend ist auch Allison Schulniks Knetfigurenvideo für die amerikanische Folkband Grizzly Bear. Oder der bizarre Clip von Jon Rafman für ein Stück von Oneohtrix Point Never: Die verstörenden Szenen eines Computerspiels hat Rafman als Realfilm mit Kindern nachgedreht.

          Der mutigste Grenzgänger ist wieder einmal Wolfgang Tillmans. Der Fotograf, der eine Zeitlang an der Frankfurter Städelschule unterrichtete, hat nicht nur ein Musikvideo produziert, sondern auch den Song dazu selbst aufgenommen. Mit monotoner, sehnsuchtsvoller Stimme singt er zu ruhigen, elektronischen Beats. Bilder von männlichen Körpern, Meeresbrandung, Pflanzen und Essensresten blenden ineinander über und verfließen miteinander. „The future is unwritten“, die Zukunft ist ungewiss, haucht der Künstler. Und man spürt, wie man deshalb eine Gänsehaut bekommt.

          Distant Bodies Dancing Eyes ist am Freitag sowie Samstag und Sonntag (jeweils von 15 bis 22 Uhr), in acht Clubs in Frankfurt und Offenbach zu sehen. Karten gibt es über schirn.de/clubwalk.

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