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Schirn : Die nackte Wahrheit: 313.000 Besucher bei acht Ausstellungen

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Über das Städel möchte Max Hollein nicht sprechen. Noch nicht. Denn erst Ende April geht dessen Direktor Herbert Beck in den Ruhestand. Da gebietet es die Höflichkeit, mit Projekten und Perspektiven, die Städelmuseum und Liebieghaus betreffen, erst einmal hinterm Berg zu halten.

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          Über das Städel möchte Max Hollein nicht sprechen. Noch nicht. Denn erst Ende April geht dessen Direktor Herbert Beck in den Ruhestand. Da gebietet es die Höflichkeit, mit Projekten und Perspektiven, die Städelmuseum und Liebieghaus betreffen, erst einmal hinterm Berg zu halten. Der neue Leiter beider Häuser ließ sich dann aber doch beim Rückblick auf das abgelaufene Jahr in der auch künftig von ihm geführten Schirn Kunsthalle wenigstens diese Aussage entlocken: „Eine Kunsthalle macht eher Vorschläge, ein Museum Feststellungen.“ Letzteres hat schließlich eine Sammlung, mit der es arbeiten kann und auch muß.

          Und: Ein Konkurrenzverhältnis solle es zwischen Städel, Liebieghaus und Schirn auch künftig geben, dies fördere die Dynamik. „Die Institute werden ihre Eigenständigkeit behalten. Aber es werden Querverbindungen geschaffen.“ Zudem sei eine engere Kooperation zwischen allen Frankfurter Kunst-Einrichtungen erstrebenswert. So werden sich gleich drei Häuser im Frühjahr mit Max Beckmann beschäftigen: In der Schirn werden die Aquarelle und Pastelle des mit Frankfurt auf besondere Weise verbundenen Malers gezeigt, im Städel ist frühe Druckgraphik des einstigen Städelschulprofessors zu sehen, und im Museum für Moderne Kunst wird ein Werk Beckmanns mit Arbeiten von Thomas Demand konfrontiert.

          „Die nackte Wahrheit“ der größte Publikumserfolg

          Die Schirn Kunsthalle zählte im vorigen Jahr 313.036 Besucher und erreichte damit in etwa den Stand von 2003. Das Jahr 2004 stellt insofern einen Sonderfall dar, als das Haus wegen Renovierungsarbeiten ein paar Monate geschlossen bleiben mußte - etwa 251.000 Besucher fanden damals den Weg in das Ausstellungsgebäude. Mit seinen Besucherzahlen sei die Schirn die populärste Kunst-Institution der Region, führte Hollein aus. Dabei sei es aber nicht vorrangig Strategie des Hauses, die Besucherzahlen zu maximieren, sondern einen wesentlichen kulturellen Beitrag für Frankfurt und innerhalb der internationalen Ausstellungsszene zu liefern. Es gehe um neue Aspekte und Interpretationen oder auch darum, Künstlern eine größere Plattform zu bieten. „Wenn wir nur die Besucherzahlen im Auge hätten, würden wie Toulouse-Lautrec-Druckgraphik zeigen.“ Bei der Ausstellung „Rodin Beuys“, die an 80 Öffnungstagen etwa 41.000 Interessierte gesehen haben, sei man sich darüber im klaren gewesen, daß man mehr Menschen hätte erreichen können, wenn nur Werke von Rodin gezeigt worden wären. Andererseits hätten viele Besucher diese Schau als „Augenöffner“ empfunden - gerade auch jene, die Beuys zuvor eher abgelehnt hätten.

          Den größten Publikumserfolg verzeichnete die Schirn 2005 mit der Ausstellung „Die nackte Wahrheit“, in der Werke von Klimt, Schiele und Kokoschka gezeigt wurden. Diese Schau sollte auch ins Gedächtnis rufen, daß Nacktheit einst in einer heute nur noch schwer nachvollziebaren Weise als Skandal empfunden wurde. Die Schau ist anschließend im Leopold Museum in Wien gezeigt worden, wo man sich eine aggressive Werbe-Idee einfallen ließ: Wer unbekleidet in die Ausstellung kam, mußte keine Eintrittskarte kaufen. „So etwas würden wir uns in Frankfurt nie trauen“, sagte Hollein, der sich hocherfreut darüber äußerte, daß eine Produktion der Schirn mit Arbeiten Wiener Künstler in der österreichischen Hauptstadt überzeugen konnte.

          2,8 Millionen Euro von Sponsoren eingeworben

          Überhaupt gehört es zur Politik der Schirn, ihre Ausstellungen zu exportieren und damit Einnahmen zu erzielen. Außerdem dient dies der Reputation des Hauses und nicht zuletzt auch ihres Standorts Frankfurt. So wurde etwa die Präsentation „3'“ mit zehn Filmen von jeweils drei Minuten Länge in Santiago de Compostela, in Madrid und beim Filmfestival in Locarno gezeigt. Die Yves-Klein-Ausstellung war im Guggenheim-Museum in Bilbao zu sehen, wo sie so viele Interessierte anzog wie keine Veranstaltung in diesem Haus zuvor. Was dies der Exportweltmeisterin Schirn im einzelnen finanziell bringt, kann Hollein wegen Vertragsklauseln, die Vertraulichkeit zum Inhalt haben, nicht sagen. Offen liegt dagegen die Zuschußsumme, die von der Stadt gezahlt wird: Im Jahr 2005 betrug sie 5.350.000 Euro. Davon freilich mußte die Kunsthalle 27,5 Prozent an die Stadt für Miete und Nebenkosten wieder abführen. Für die anderen Fixkosten wie die Personalausgaben wurden 40,1 Prozent der Subventionssumme benötigt. Für die Ausstellungen blieben 32,4 Prozent. „Damit könnten wir gerade einmal eine Schau wie ,Nackte Wahrheit' auf die Beine stellen“, sagte Hollein. Daher sei die Schirn außer auf ihre Einnahmen auf Drittmittel angewiesen: 2,8 Millionen Euro habe die Schirn 2005 von Sponsoren einwerben müssen.

          Nach der Max-Beckmann-Schau, die am 3. März eröffnet wird, folgt die Ausstellung „Die Jugend von heute“ (Eröffnung am 7. April), in der es um die künstlerische Auseinandersetzung mit jugendkulturellen Gegenwartsphänomenen geht. Danach wird „Die Eroberung der Straße“ (Eröffnung am 15. Juni) gezeigt: Die Schau nimmt die Stadtentwicklung im 19. Jahrhundert in den Blick. „Nichts“ (Eröffnung am 12. Juli) ist der Titel einer Ausstellung, die sich mit der Vorliebe der Avantgarde für die Leere und die Verneinung aller Bedeutungen befaßt. Bei „I like America“ (Eröffnung: 28. September) steht das deutsche Bild von der „neuen Welt“ und ihrer Ureinwohner im Mittelpunkt. Das Ausstellungsjahr in der Schirn beschließen „Picasso und das Theater“ und „Anonym“ - eine Ausstellung, bei der sowohl die Künstler als auch der Kurator im dunkeln bleiben.

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