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Schirn-Ausstellung : Endlich im Ganzen: Drei-Minuten-Filme internationaler Künstler

  • Aktualisiert am

Kunstflaneure sehen einen Film von 15 Minuten Länge, der seit drei Minuten läuft und eilen nach vier Minuten von dannen. Mithin sehen sie den Kurzfilm nicht in Gänze. Ein Problem, doch ein lösbares, wie eine Ausstellung der Frankfurter Schirn zeigt.

          Das Problem ist bekannt. Daß nie genug Zeit für die Videoarbeiten bleibt, scheinen viele Besucher von Gruppenausstellungen wie der Kasseler Documenta oder der Biennale in Venedig seit Jahren als nervöse Erfahrung zu verbuchen: Die Kunstflaneure betreten einen dunklen Raum, sehen einen Film von 15 Minuten Länge, der seit drei Minuten läuft und eilen nach vier Minuten von dannen, weil sie noch viele weitere Kunstwerke, bewegte oder unbewegte, sehen wollen. Und so werden Kurzfilme in ihrer ganzen Länge bei solchen Gelegenheiten nur noch von absoluten Insidern wahrgenommen. Was kein Grund für ein schlechtes Gewissen ist: Wer alle Filme bei der Documenta 11 hätte sehen sehen wollen, hätte 180 Stunden Zeit dafür gebraucht.

          Das Problem ist bekannt - und lösbar: Mit der gestern eröffneten Ausstellung "3'" hat das Publikum in der Schirn endlich die Möglichkeit, künstlerische Kurzfilme von Anfang bis Ende zu sehen. Zehn internationale Künstler erhielten den Auftrag, einen drei Minuten langen Beitrag zu den Themen "Condensed Information" und "Condensed Narration" zu produzieren. "Verdichtung" ist der deutsche Begriff, um den es Schirn-Direktor Max Hollein dabei geht: Der zerstreuten Wahrnehmung beim Gang durch eine Ausstellung werde im - vom New Yorker Architektenteam Asymptote aseptisch gestalteten - Schirn-Kinosaal die angespannte Aufmerksamkeit beim Betrachten dieser kurzen, konzentrierten, zum Teil emotional dichten Filme entgegengesetzt. Sichtbar wird zudem, wie Filmemacher mit den Einflüssen von Werbespots und Musikvideos umgehen - oder mit der "stillen Revolution der Wahrnehmung" die für Doug Aitken im späten 20. und im beginnenden 21. Jahrhundert begonnen und zu einer extrem fragmentierten Form der Wahrnehmungserfahrung geführt habe.

          Drei Minuten können sehr kurz sein: "When Jonny comes marching home" intoniert der schmucke junge Trompeter in seiner prachtvollen roten Uniform wieder und wieder in Teresa Hubbards und Alexander Birchlers Film "Johnny". Dann wird unser Blick auf die die anderen jugendlichen Musiker der patriotischen "Marching Band" in einer amerikanischen Kleinstadt gerichtet. Sehnsüchtig wartende Blicke und ungeduldige Hände, die eine Querflöte oder Paukenschlegel halten, sind zu sehen: Wann geht es bloß endlich los mit der Musik? Das fragen wir uns auch, hören aber immer nur das seit dem amerikanischen Bürgerkrieg populäre Marschlied mit seiner traurigen Melodie. Die Spannung löst sich nicht auf, als abebbende Pointe ist bloß das Schließen eines Reißverschlusses zu vernehmen.

          Drei Minuten können sehr lang sein: Anri Sala, ein 1974 in Albanien geborener, in Paris lebender Künstler wurde mit mit "Intervista" zum shooting star, seinem 1998 gedrehten Erstlingswerk, das seine Mutter auf einem alten Fernsehfilm ohne Tonspur als kommunistische Jugendführerin zeigt. Der Sohn begab sich auf die Suche nach den verlorenen Worten der Mutter - und nach seiner eigenen Identität. Sein Kurzfilm "Uomodomo" mit dem ständig einschlafenden Obdachlosen im Mailänder Dom wurde bei der Biennale in Venedig ausgezeichnet. Ach, vergeblich die Vorfreude: In Anri Salas neuem Film "Cymbale" ist nichts als das Becken eines Schlagzeugs in diversen Beleuchtungen und mit wechselnden Lichtreflexen zu sehen.

          Das Berliner Künstlerduo RothStauffenberg hingegen bedient sich bei "Sarajevo" aller nur denkbaren filmischer Medien. Authentisch wirkende Szenen mit einer schönen jungen Frau enden gleich zweimal mit deren jäher Ermordung. Betörende Landschaftsaufnahmen, Dokumentation, Spielfilm und Animation gehen in verwirrendem Wechsel ineinander über: Ein assoziationsreiches, nie langweilendes Spiel. In Doug Aitkens faszinierendem Film "The Moment" steht die Zeit beinahe still. Schlafende Menschen sind zu sehen, Bruchstücke von Schicksalen scheinen sich zu offenbaren. Dann wachen sie auf und am Ende überlagern sich die Bilder der einzelnen Menschen immer schneller. Traurige drei Minuten beschert uns Jonas Akerlund mit "Turn the Page", der Geschichte einer Prostituierten und Mutter einer kleinen Tochter. Auch nicht gerade fröhlich ist Mark Schinwalds Film mit der ekstatisch bis verwirrt durch eine großbürgerliche Wohnung tanzenden Frau und dem teilnahmslosen Mann. KONSTANZE CRÜWELL

          Bis 2.Jamuar 2005, geöffnet Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag bis 22 Uhr. Katalog mit DVD 29,80 Euro. Die zehn Filme sind auch im Internet zu sehen: www.t-online.de/3minutes.

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