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Schauspiel: „Frühlings Erwachen“ : Das Lieben ist eine Hüpfburg

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Frühling in Mainz: Auf dem Motorrad in sexuell befreite Gefilde Bild: Staatstheater Mainz/Bettina Müller

Leben ist Geschmackssache, Moritz schmeckt es nicht. Am Ende steht er vorne an der schneeweißen Bühne und zerdrückt einen Luftballon an seiner Brust, bis er zerplatzt.- Eltern verstehen ihre halbwüchsigen Kinder nie: André Rößler zeigt Calis' Fassung von „Frühlings Erwachen!“ in Mainz.

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          Leben ist Geschmackssache, Moritz schmeckt es nicht. Am Ende steht er vorne an der schneeweißen Bühne und zerdrückt einen großen roten Luftballon an seiner Brust, bis er zerplatzt. Und dann schwebt er, in einem roten Kettenkarussellsitz, durch ein Loch hoch über den Bühnenhimmel des Mainzer Staatstheaters.

          Erschossen hat sich Moritz, obwohl er doch versetzt worden ist. Aber Papa Spiegel (Stefan Walz), Taxifahrer mit mangelhafter Schulbildung, projiziert seinen Ehrgeiz auf den groß und breit geratenen Sohn, den Lorenz Klee bei aller Robustheit als zarten Jungen auch spielt. Er wisse Dinge vom Leben, die ahnten sie nicht mal, sagt Papa Spiegel, der Verwaiste, zu den Freunden seines Sohnes. Noch Monate später sind sie alle von Moritz' Tod schockiert: Hänschen und Melchior, Martha, Ilse und Wendla.

          Die Jugendlichen aus Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ und ihre hetero- und homoerotischen Phantasien, ihre sexuellen Erkundungen und ihr Leiden bis zum Tode haben 1906 bei der Uraufführung mächtig Skandal gemacht. Heute redet manche Zwölfjährige von ihrem ersten Sex mit der Herablassung des Habitués, was nun in Mainz Ilse tut, bei Katja Hirsch eine Göre, die sich letztlich als nicht halb so cool erweist, wie sie scheinen möchte. Wedekinds Klischees aus wilhelminischer Zeit, satirische Lehrer-Figuren und verblümte Sätze über Dinge, die heute jedes Schulkind dank des Lach- und Sachunterrichts weiß, wirken arg historisch. Doch sind die Fragen, Ängste und Freuden, die Liebesnot und die Opposition immer gleich. Und Eltern, ob sie nun Taxi fahren oder „Rentier“ sind, verstehen ihre halbflüggen Kinder nicht, das liegt in der Natur der Sache.

          Wie souverän man mit einem solchen Stück umgehen kann, ohne es kaputtzumachen, zeigt die Fassung von „Frühlings Erwachen“ des 1976 geborenen Regisseurs und Filmemachers Nuran David Calis (“Meine Mutter, mein Bruder und ich“), die für das Schauspiel Hannover entstanden ist. Calis bedient sich bei Jugendsprache und Zitaten aus Popsongs, ohne jemals peinlich zu wirken. Er weiß auch, wo in den wohl schon damals schwülstig wirkenden ellenlangen Sätzen Wedekinds eben doch, sehr oft, der bittersüße Vogel Jugend gefangen ist.

          In der neuen Inszenierung des 1978 geborenen Regisseurs André Rößler fügt sich der gestraffte Originaltext bruchlos in die einprägsamen, poetischen und witzigen Bilder - dass er sich darauf versteht, hat er schon 2007 bei seinem Mainzer „Reigen“ gezeigt. Und auch die Zuschauer werden wieder ins Spiel gezogen, was ihnen sichtlich Vergnügen bereitet.

          Hänschen (Thomas Prazak), der mit seiner Kamera alles, aber auch wirklich alles filmt, klaut Melchior und Moritz beim Penisvergleich die Klamotten und lässt sie nackt nach ihrer Unterwäsche hechten. In den ausgestanzten Löchern des Mainzer Bühnenbildes (Tine Becker, Kostüme Simone Steinhorst) versinkt die vom Vater misshandelte Martha (Tatjana Kästel) im Wasser und taucht wie eine kleine Furie wieder auf, um ihren Hass auf alle, die sie täglich demütigen, herauszuschreien.

          Wendla, trotzig, quicklebendig und großäugig gespielt von Johanna Palliatsou, entdeckt mit dem coolen intellektuellen Melchior (Stefan Graf) den ersten Sex als Hüpfburg - wild, unschuldig und doch auf leicht komische Weise erotisch. Wendlas Single-Mutter (Friederike Bellstadt), die eine verlängernde Borte an das „Prinzesskleid“ der Tochter ansetzen will, trägt selbst ein zu kurzes Business-Kostüm. Wedekinds naturschwärmerischer Dialog Moritz' und Melchiors wird zum Trip nach dem gemeinsam gerauchten Joint. Dazwischen gibt es als Videos eingespielte Wunschlisten dessen, was vergessen werden soll, wenn man erwachsen ist - und dessen, was man unbedingt erinnern will. Es wird zu nicht mehr ganz aktuellen Hits abgetanzt, wie jeden Samstagabend, zu Alkopops und ersten Knutschereien.

          Das ist sehr genau beobachtet und, wahrscheinlich, nah am Lebensgefühl heutiger Jugendlicher. Es ist ganz sicher, was die gehetzten und ratlosen Elternteile angeht, sehr nah an dem der Erwachsenen. Wendla muss erfahren, dass Melchior sich nicht um sie und das Kind, das sie erwartet, scheren wird. Die Mutter beschließt, das Baby werde „weggemacht“. Sterben, wie bei Wedekind, muss die Mainzer Wendla dabei nicht mehr. Aber wenn am Ende alle zum scheinversöhnten Liebes- und Hoffnungssong schunkeln, ist klar: An solchem Frühlingserwachen wird man ein Leben lang tragen - auch ohne Liste.

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