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Schauspiel Frankfurt : „Die Ratten“: Zufall Hauptmann

Regisseurin Felicitas Brucker inszeniert „Die Ratten“ den Saisonstart am Schauspiel Frankfurt. Bild: Birgit Hupfeld

Regisseurin Felicitas Brucker hat viele Stücke von Ewald Palmetshofer zur Uraufführung gebracht. Jetzt inszeniert sie mit „Die Ratten“ den Saisonstart am Schauspiel Frankfurt.

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          Pauline Piperkarcka statt Prinz Philipp: Eigentlich hätte es am Schauspiel Frankfurt eine ziemliche Seltenheit geben sollen zur Saisoneröffnung. Witold Gombrowicz’ 1935 verfasste „Yvonne, die Burgunderprinzessin“, das Stück mit der schweigenden Titelfigur, sollte Mateja Koležnik im Großen Haus inszenieren.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt gibt es stattdessen „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann, nicht gerade eine Rarität. Aber für die Regisseurin Felicitas Brucker ein langgehegter Wunsch – und ein unerwartetes Frankfurter Debüt im Großen Haus. Weil die Regisseurin Koležnik erkrankt ist, wurde „Yvonne“ um eine Spielzeit verschoben, ein Schicksal, das Intendant Anselm Weber nicht zum ersten Mal ereilt.

          Glücklicherweise sollte nur eine Woche später Felicitas Brucker in den Kammerspielen „Der Bus“ von Lukas Bärfuss zur Premiere bringen. Und die hat nicht gezögert, als ihr die Rochade vorgeschlagen wurde, stattdessen das Große Haus zu bespielen. Sogar das Stück konnte sie sich, aus einem Pool ungefähr zwischen Tschechows „Kirschgarten“ und der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“ von Brecht, aussuchen.

          Das Kind als Wette auf die Zukunft

          Denn Felicitas Brucker hat jetzt nicht nur eine viel größere Bühne, sondern auch ein größeres Ensemble zur Verfügung. „Burgunderprinzessin“ plus „Bus“ ergibt jetzt die Besetzungsgröße der „Ratten“, einer Gesellschaftstragödie, einer Geschichte voller Verluste, die, vielleicht, nur deshalb Fahrt aufnimmt, weil Frau John, gespielt von Patrycia Ziolkowska, ein Kind verloren hat und dringend eines haben will.

          Wer ist denn krank, die eine Frau oder vielleicht die ganze Gesellschaft? Das ist für Brucker, 1974 in Stuttgart geboren, ausgebildet am renommierten Goldsmith College in London und geprägt von einer Lehrzeit an den Münchner Kammerspielen bei Frank Baumbauer, eine der Grundfragen in den „Ratten“. Das Kind als die Wette auf die Zukunft, die Mietskaserne mit ihren engen Verhältnissen als Mittelpunkt einer Gruppendynamik, die nach Desaster riecht, der Berliner Dialekt, der für Brucker und ihren Dramaturgen Alexander Leiffheidt eher Widerstand markiert: Altbacken verspricht das nicht zu werden, mit einem Live-Musiker auf der gläsernen Bühne, erst recht nicht, weil die jüngeren Figuren nun so sprechen werden, wie man es heute auf der Straße vermuten würde, sagt Brucker.

          Leben in Paris

          Weil die Entscheidungen nach der Spielplanumgestaltung schnell fallen mussten, seien Konzept, Fassung und Bühnenbild quasi in 48 Stunden entstanden – sonst brauche so etwas ein Jahr. Dadurch aber sei ein „toller Prozess entstanden“, eine künstlerische Dichte, die sonst selten möglich ist. „Das Haus hat uns ermöglicht, seriös zu arbeiten“, sagt sie – trotz der engen Taktung.

          Nach fünf Jahren als Hausregisseurin am Schauspielhaus Wien, unterbrochen von Inszenierungen hier und da, ist Brucker jetzt ganz als freie Regisseurin unterwegs, lebt in Paris und hat schon in Berlin am Deutschen Theater, am Hamburger Thalia, in Hannover, Stuttgart, Zürich, Basel erfolgreich gearbeitet. Nächstes Großprojekt ist die Fortsetzung ihrer Dramatisierung von Elena Ferrantes Bestseller „Meine geniale Freundin“ am Nationaltheater Mannheim. Auch keine leichte Aufgabe.

          Dass sie mehrere Stücke von Ewald Palmetshofer uraufgeführt hat, unter anderem „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ und „die unverheiratete“, wirkt wie eine Fortschreibung der Verbindungen. Denn in der vergangenen Spielzeit war es Ewald Palmetshofer, dem mit seiner Überschreibung von Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“, inszeniert von Roger Vontobel, ein sehr heutiges und hochspannendes Stück gelungen ist.

          Nun setzt Brucker unverhofft eine kleine Hauptmann-Reihe des Schauspiels fort, die in der ersten Spielzeit Webers mit „Rose Bernd“ begann. Ein glücklicher Zufall – und „Die Ratten“ sind in Frankfurt schon seit 1987 nicht mehr inszeniert worden, nur als Gastspiel war 2012 mal Michael Thalheimers Berliner Inszenierung zu sehen.

          „Die Ratten“

          Schauspiel Frankfurt, Premiere am 6. September um 19.30 Uhr.

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