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Schauspiel : Die Revolution ist kein Spiel: Philipp Preuss inszeniert "Dantons Tod"

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„Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe." Das sagt Danton bei Büchner am Anfang des Stücks. Philipp Preuss aber läßt in seiner Version von "Dantons Tod" erst einmal Robespierre schwadronieren.

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          Sätze wie diese lohnen es allemal, sich mit Georg Büchner zu befassen: "Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab - wir sind sehr einsam." Das sagt Danton bei Georg Büchner so ziemlich am Anfang des Stücks. Es sind starke Sätze. Sätze eines sehr jungen Dramatikers, der sich mit derlei Texten geradewegs in die Moderne hineinschreibt. Da ist viel von der Vergeblichkeit die Rede. Auch vom Nichts. Und von der Revolte.

          Regisseur Philipp Preuss freilich läßt zu Beginn seiner Inszenierung von "Dantons Tod" in der Frankfurter Schmidtstraße erst einmal Robespierre schwadronieren. Später allerdings nimmt er unter anderen wohl jene Textstelle vom Leder und der Einsamkeit zum Anlaß, um die gemäßigten Revolutionäre Danton und Desmoulins sich mit ihren Liebchen auf dem Boden wälzen zu lassen. Natürlich bleiben sie dabei einsam. Auch wenn das grobe Leder Spaß hat.

          In der Spielstätte des Frankfurter Schauspiels für das irgendwie Experimentelle beschaut sich ein junger Regisseur Büchners Revolutionsspiel. Und macht eine Fernsehshow daraus. Mit ein bißchen Erotik. Da wird die Rolle der Marion zu einer tragenden: Hilke Altefrohne mimt die freundliche Hure, die irgendwo zwischen dem Eros der Macht und der Erinnerung an die Freuden des Privatlebens steht. Revolution ist Genuß, so ungefähr lautet ihr Credo, und so wird sie zur Leitfigur dieser Inszenierung. Die uns wohl mahnen will, daß ohne Revolte alles langweilig ist, mit Revolte aber alles in den Abgrund führt. Warum sonst würden die revolutionsresistenten Beatles mit ihrem Pop-Liedchen "Revolution" zitiert, in dem vor der revolutionären Zerstörung gewarnt wird? Überhaupt gibt es viel, wenn auch zumeist verhaltene Musik in dieser Büchner-Interpretation. Und dann und wann ein Video, das auf den Boden projiziert wird.

          Robespierre führt sich wie ein Moderator ein. Seine Stimme wird von einem Mikrofon verstärkt. Ist Revolution, wie in einem Film zu sein? Die Ausnahme von der Wirklichkeit, die uns in ewig biedere Bahnen lenkt? Danton jedenfalls hat eine Austin-Powers-Brille auf. Und scheint, zwischen schrillem Popstar und entnervtem Intellektuellen changierend (Michael Weber), so ziemlich die Nase voll von der ganzen Politik zu haben. War doch nur ein Spiel. Und jetzt nimmt der böse Robespierre es ernst?

          Der Radikale, der seinen Mitstreiter und viele andere auf die Guillotine bringt, ist ein recht diabolischer Kerl (Wilhelm Eilers). Ein Möchtergern-Mephisto, wie er da um den Kreis herumstreicht, in dem sich Danton und seine Freunde gern bewegen. Nein - Figuren sind es nicht, die Preuss da in die Halle stellt. Es sind Schauspieler, die Schauspieler bleiben. Oder Schauspieler spielen. Büchners Drama ist um die Mehrheit der Personen verkürzt worden. Geblieben sind sechs Akteure, die spielen, daß sie Revolutionäre spielen. Und die Besucher bekommen ein Revolutions-Badge ans Revers geheftet. In den jakobinischen Farben. Wie bei Spielteilnehmern üblich.

          Merkwürdigerweise ist Preuss damit allerdings näher bei Büchner, als der Regisseur vielleicht vermuten würde. Denn trotz der revolutionären Umtriebe des Autors hat seine literarische Bedeutung nur bedingt mit Politik zu tun. Sie beruht vielmehr darauf, daß er die menschliche Ohnmacht in Zeiten des verlorengegangenen Glaubens in eine Form gefaßt, ihr eine Sprache gegeben hat. Weder an Gott noch an den Menschen glauben Büchners Stücke. Die Verzweiflung des Bewußtseins führt nicht mehr dazu, daß es sich selber aus dem Sumpf zieht. Es bleibt dort stecken. In keiner allzu weiten Ferne leuchtet der Nihilismus auf.

          So mag sich der Jungregisseur fragen, ob denn heute eine Revolution noch möglich sei, ob die Revolution immer ihre Kinder fresse, ob sie unabdingbar zum Terror führe, ob es nicht vielleicht doch nötig sei, eine anzuzetteln, um noch irgendwas im Kopf oder im Bauch zu spüren. Aber die Art, wie er mit Büchner umgeht, verweist all solche Fragen in ein Jenseits vom Hier und Heute. Die Revolution ist kein Spiel, aber man kann mit ihr spielen. Notfalls auch, indem man Büchner inszeniert. MICHAEL HIERHOLZER

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