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Schach spielen gegen die App : Königlich und entspannt

  • -Aktualisiert am

Königliches Strategiespiel: Einst saßen sich dafür würdig gekleidete Herren an Tischen gegenüber und blieben stundenlang aufrecht sitzen. Bild: dpa

Man kann mit hochgelegten Füßen prima Schach spielen – mit der Fernbedienung am Smart-TV. Spielt man gegen Fernseh-App, hat sich das königliche Strategiespiel allerdings meist nach fünf Minuten erledigt.

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          Mein neues Alter Ego Hans Castorp hat auf dem Pandemie-Zauberberg, vom bequemen Fernsehsessel aus, kürzlich wieder etwas Tolles entdeckt: Man kann mit hochgelegten Füßen, also in gleicher Körperhaltung wie Thomas Manns Romanfigur bei der Liegekur, prima Schach spielen – mit der Fernbedienung am Smart-TV.

          Das königliche Strategiespiel, bei dem würdig gekleidete Herren mit grauen Schläfen einander einst an Tischen gegenübersaßen, aufrecht, stundenlang, konzentriert, und sich nach dem Ende der Partie die Hände reichten, hat sich derzeit allerdings zugegebenermaßen meist nach fünf Minuten erledigt. Dann hat der Halunke, wie ich meinen imaginären Gegner oder Programmierer im harmlosesten Fall nenne, wieder gnadenlos aus dem Hinterhalt zugeschlagen und spielentscheidende Figuren in Sekundenschnelle vom Feld geräumt.

          Der Gegner gibt prinzipiell nie auf

          Zwar habe ich das Schachspielen von Kindesbeinen an gelernt und immer wieder praktiziert. Gegen Computer aber habe ich zuletzt vor 25 Jahren gespielt. Damals konnte man die eigenen blöden Züge wenigstens noch zurücknehmen. Das geht in der vorinstallierten Fernseh-App nicht. Für den geduldigen und glücklicherweise noch kerngesunden Zauberberg-Patienten bringt diese Tatsache das zweifelhafte Vergnügen mit sich, nach jeder Aufgabe durch Abbruch immer wieder die verschiedenen Varianten der bewährten Spieleröffnung üben zu müssen, Sisyphos gleich.

          Und siehe da: Mehrfach sah sich der Halunke auf dem normalen Spiellevel nun schon matt gesetzt. Er gibt prinzipiell nie auf, auch in aussichtsloser Unterlegenheit nicht, und zieht notfalls seinen König bis zum bitteren Ende hin und her – vielleicht in der Hoffnung, seine menschlichen Gegner doch noch ermüden zu können. Würdelos!

          Na egal, liebe Schachfreaks, lasst den wackeren Castorp bitte ruhig dumm sterben und versucht nicht, ihn hinsichtlich besserer Programme und Lerntechniken zu beraten. Er will es gar nicht so genau wissen, denn sein wahres Ich ahnt und hofft, dass sich auch dieser Zeitvertreib erledigt haben wird, sobald es wieder ein lebendiges Kulturleben mit Konzerten und Opernaufführungen gibt.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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