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Straßenrapper aus Frankfurt : „Saturn, Bruder, Media Markt, Bruder“

  • -Aktualisiert am

Straßen-Rapper: Celo und Abdi wollen hoch hinaus mit ihrer Musik. Bild: Slesiona, Patrick

Celo und Abdi sind Straßenrapper aus Frankfurt. Mit ihrem Album „Akupunktur“ haben sie gerade die Charts erobert. Sie wollen hoch hinaus. Eine Begegnung.

          Moritz Bleibtreu braucht einen neuen PS-starken Flitzer. Er wendet sich mit seinem Wunsch an zwei Männer in schwarzen Anzügen, die Kontakt zur Unterwelt haben. Innerhalb von 24 Stunden können die Hehler ihm einen weißen Lamborghini anbieten, den sie zuvor mit einer bewaffneten Gang geklaut haben. Nein, das ist nicht die Realität, sondern ein Video der Frankfurter Rapper Celo und Abdi.

          Sie sitzen an diesem Junitag in einem Café an der Allerheiligenstraße. Die beiden, die sich auf ihrem neuen Album „Akupunktur“ als Undergroundchiefs betiteln, entspannen sich. Tee, Wasser und Coca-Cola werden gereicht. Zigarettenrauch wabert schwer in der Luft. „Hier hängen wir gerne ab. Multikulti. Ab und zu Action. Und abends gibt’s auch mal Stress“, sagt Abdi und nippt an seinem Glas Wasser, in dem sich dicke Eiswürfel stapeln.

          Im Minutentakt kommen Männer an den Tisch und umschwärmen die Rapper. Hände schütteln, Wortfetzen auf Französisch, Deutsch und Marokkanisch. Einem Mann im algerischen Fußballtrikot, der das neue Album geschenkt haben möchte, ruft Celo zu: „Saturn, Bruder. Media Markt, Bruder.“

          Bosnisch, Französisch, Arabisch und im Slang

          Seit 2009 schreiben sie gemeinsam Texte und stehen mittlerweile bei dem Frankfurter Musiklabel Azzlackz unter Vertrag, das von Aykuth Anhan – bekannt unter seinem Künstlernamen Haftbefehl – gegründet wurde. Vor zwei Jahren landeten sie mit ihrem ersten Album „Hinterhofjargon“, das sich bis heute 25.000 Mal verkauft hat, auf dem achten Platz der deutschen Charts. In ihrer Musik beschreiben sie fragmentarisch dschungelartige Szenen, die im Frankfurter Bahnhofsviertel zwischen Euro-Zeichen und Bordellen spielen. Eine exponierte Großstadt-Halbwelt, in denen Gauner Drogengeschäfte abwickeln, Halunken Geld machen und vor der Polizei flüchten: „Ja, Bruder, Gras-Pusher, auf der Jagd/ Barrakudas, Dracula/ Im Wagen läuft ,In da Club‘ von 50 Cent/ Vollbeladen Richtung Württemberg/Scheiß auf die Rechtslage/Reich werden, Cash stapeln, Ekstase/Cokeboys verbreiten Viren/ Frankfurt Main, der Wirt, so läuft’s in meinem Bezirk/ Mon Banlieue, cinq cent vingt-neuf/ All In, Porsche 911.“

          In ihren Songs rappen die Musiker in mehreren Sprachen, auf Bosnisch, Französisch und Arabisch, hinzu kommen Schimpfwörter, Slang, Abkürzungsrhetorik. Alles vermischt sich und wird zum „Azzlack-Sound“, wie die beiden es nennen. „So reden wir hier auf der Straße. Die Message kommt an, auch wenn’s kein Oxford-Deutsch ist“, sagt Celo. Der multikulturelle Sprachmischmasch sei das Resultat aus 180 Nationen, die auf engem Raum in Frankfurt zusammenleben.

          Abhängen im Allerheiligenviertel

          In dem Café auf der „Allerheiligen“ reden sie über das Musikgenre Gangsta-Rap. Gangstermythologien, Gangsterwelt. Dort fühlen sie sich wohl. Wenn sie von dicken Limousinen und Koks-Deals rappen, sei das fiktiv, manchmal stecke auch ein Funken Selbsterlebtes darin. Es ist die zugespitzte Inszenierung des Gettolebens, die ihnen gefällt. Sie stilisieren sich und spielen mit Rollenprosa. So auch in dem Musikstück „Nur noch 60 Sekunden“, in dem sie Hehler, die teure Autos verticken, mimen: „Slim Jim und du bist im Film drin/Hudson Hawk, Lagerhaus oder Nostalgie-Schlichten/Steal it, gib ihm, schon seit Mark-Zeiten/M3 Leisten abreißen, Ersatzteil/Zu Sparpreisen, Profit mit Boliden/Acht Mille, Tankdeckel von Lamborghini.“

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