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Centralstation Darmstadt : Alles, was du kannst, Sarah McCoy kann es besser

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Schillernd, verletzlich und gewaltig bei Stimme: Sarah McCoy in der Centralstation in Darmstadt Bild: Michael Kretzer

Die amerikanische Sängerin kann Rohstahl kauen und Rasierklingen ausspucken, kann einen Mann mit ihrem Lachen töten und jodeln wie eine Sennerin.

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          Alles, was man über sie sagen könnte, ist zu wenig. Sie hat eine grandiose Bluesstimme. Ja, aber nicht nur. Sie kann sinnliche Songs schreiben. Ja, klar. Sie kann Balladen so sinnlich nuscheln, dass sogar ein Chet Baker bei ihr Unterricht nehmen würde. Eine Rockröhre, die den Namen verdient, ist sie noch dazu. Wenn sie in die Tasten haut und ihren Flügel in ein Honkytonk-Klavier verwandelt, meint man Cripple Clarence Lofton sei von den Toten auferstanden, um noch einmal sein unwiderstehliches „Strut That Thing“ zum Besten zu geben. Die Grand Ole Opry in Nashville würde keinen Fehler begehen, würde sie McCoy für ihre Country-Shows als Dauergast verpflichten.

          Sarah McCoy ist ein musikalisches Monster. Was Nik Cohn, Autor der legendären „Rock Dreams“ vor Jahren über Big Joe Turner schrieb, ließe sich umstandslos auf sie übertragen: Sarah McCoy aus Pine Plains, New York, kann beides vertragen, Bourbon und Wodka, kann Mauern einreißen mit bloßer Hand, kann Rohstahl kauen und Rasierklingen ausspucken, kann einen Mann mit ihrem Lachen töten, kann jodeln wie eine Sennerin, kann einen ganzen Schweinerücken schlucken. Alles, was du kannst, Sarah McCoy kann’s besser.

          Romantische Femme fragile

          Aber selbst das ist nur ein Teil der Wahrheit. Bei ihrem Auftritt in der Darmstädter Centralstation konnte man jetzt eine Künstlerin erleben, die trotz ihrer Leibesfülle und ihrer unmotivierten Lachtiraden wie eine romantische Femme fragile wirkte. Im nächsten Moment verwandelte sie sich zwar wieder in eine düstere Voodoo-Priesterin, die jeden Mann dieser Welt verflucht, weil er sie nicht aus ihrem ungewollten Single-Dasein erlöst. Aber alle kraftprotzigen Ausbrüche und frechen Gesten können nicht die überaus verletzliche Persönlichkeit dahinter verbergen.

          Der große Schauspieler Gert Fröbe, Gegenspieler von James Bond in „Goldfinger“, spindeldürr zu Beginn seiner Karriere und ein Koloss viel später, meinte einmal in seiner hintergründig-süffisanten Art, man solle sich nicht täuschen lassen: In jedem Dicken stecke eigentlich ein Dünner. Das lässt sich auf den Charakter übertragen: In jedem Poltergeist steckt auch ein schüchternes Sensibelchen.

          Liebeserklärung und Anklage

          So ist Sarah McCoy, selbst wenn sie die Blockakkorde noch so donnernd anschlägt und ihren Mund weit vom Mikrofon entfernt, damit die Membrane bei ihrem Stimmvolumen nicht platzt, musikalisch im Grunde eine feinfühlige Ästhetin. Das wird deutlich in Balladen wie dem emotional packenden „Boogieman“ oder in dem bittersüßen „Mamma’s Song“, ergreifende Liebeserklärung und selbstmörderische Anklage in einem.

          Sarah McCoy, die sich als Straßenmusikerin und als Barpianistin in ordinär lauten Kneipen von New Orleans einen Teil ihres wetterfesten musikalischen Rüstzeugs erworben hat, verfügt über eine Klangfarbenpalette und eine Ausdrucksskala wie kaum eine aktuelle Sängerin im Grenzbereich von Blues, Rock, Pop, Soul und Jazz.

          Wie aus einer Nocturne von Chopin

          Phänomenal ist, wie sie bei den schlingernden Blue notes und dynamisch freien Phrasierungen, zwischen all dem Gurren, Flüstern, Hauchen, Brüllen ihr glockenreines Intonationsvermögen bewahrt. Erstaunlich ist aber auch, wie sie in ihre pianistischen Boogie-Rhythmen urplötzlich Ornamente einstreut, die aus einem sehnsüchtigen Nocturne von Chopin stammen könnte.

          Und dann noch Songs wie „Beautiful Stranger“ oder „New Orleans“, die Liebeserklärung an die Stadt ihrer Sehnsucht. Sie wirken so sinnlich und in ihrer Strahlkraft so überirdisch schön, dass allein schon der Kitschverdacht wie ein Sakrileg erscheint. Sarah McCoy ist eine unwiderstehliche Verführerin. Es ist nicht das Schlechteste, was man über sie sagen kann. Dabei ist sie immer noch ein Geheimtipp, was auch die halbleere Centralstation zeigte. Hätte man Sarah McCoy nach diesem Konzert die Frage gestellt, warum sie – wo sie doch besser als all die Mariah Careys oder Rihannas singt – kein Mega-Star wurde, sie hätte vermutlich geantwortet: Ich habe eben Glück gehabt.

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