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Sammlung bedeutender Handschriften : Der Schatz in Goethes Keller

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Schätze aus dem Hochstift: Bettina von Arnim schrieb mit Zeichnung 1832 an Fürst Pückler-Muskau Bild:

Das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt, eines der ältesten Kulturinstitute in Deutschland, sammelt schon seit 150 Jahren Handschriften bekannter Autoren. Unter dem Goethe-Haus lagern Kostbarkeiten.

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          Eine zärtliche Geste war es. Edgar Karg von Bebenburg schrieb noch einmal den Namen des Freundes unter den Brief, den er von ihm bekommen hatte. „Hugo“, in geschwungenen Lettern und mit lilafarbener Tinte – ganz so, als streichelte er zärtlich den Brief, den Hugo von Hofmannsthal ihm gesendet hatte. Solch eine Geste war nicht unüblich für die damalige Zeit. Ein Brief, noch voller Mühe geschrieben, fehlerfrei und ohne Tintenkleckse. Ein Dokument über das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger, aber auch ein Beleg für die Nachgeborenen, der zeigt, wie sich der Verfasser bei der Niederschrift fühlte.

          Handgeschriebene Texte erzählen mehr als nur den Inhalt des Niedergeschriebenen. So ist es auch bei literarischen Texten vor ihrer Drucklegung: Manche sind kaum zu entziffern, andere wiederum zeugen von höchster Konzentration und Sorgfalt.

          Wissenschaftler können die Handschriften nutzen

          Das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt, eines der ältesten Kulturinstitute in Deutschland, sammelt schon seit seiner Gründung zu Schillers hundertstem Geburtstag im Jahr 1859 Handschriften bekannter Autoren. Aufbewahrt werden die kostbaren Schriftstücke im Archiv, das im Keller von Goethes Elternhaus am Großen Hirschgraben liegt. Dort lagern unter anderem Eichendorff-Gedichte, Brentano-Briefe und Goethe-Werke sicher verschlossen. Wer wissenschaftlich arbeiten will, kann die Handschriften-Sammlung nutzen. Allerdings muss ein Antrag gestellt werden, in dem der Student oder Forscher begründen muss, warum bestimmte Orginalschriftstücke eingesehen werden sollen. Rund 400 Nutzer im Jahr benötigen den Blick auf das Original, die meisten melden sich heute mit einer E-Mail an oder über die zentrale Datenbank „Kalliope“, einen Verbundkatalog von Nachlässen und Autographen.

          „Hugo” notierte Edgar Karg von Bebenburg auf den Brief Hofmannsthals von 1892
          „Hugo” notierte Edgar Karg von Bebenburg auf den Brief Hofmannsthals von 1892 :

          Begonnen wurde die Sammlung mit Schillers Handschriften, die das Freie Deutsche Hochstift bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erwarb. Mittlerweile dokumentiert das Deutsche Literaturarchiv in Marbach den Autor. Schon zu Gründungszeiten trugen Zeitgenossen Goethes Handschriften an das Hochstift heran, so dass nach und nach der sogenannte Goethe-Schatz entstand. Mit dem Erwerb des Goethe-Hauses im Jahr 1863 wuchs die Sammlung weiter.

          Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts und des Goethe-Museums, sagt, dass es eine sehr gute Kooperation zwischen ihnen und dem Weimarer Goethe-Haus gebe. Während man sich in Weimar den jüngeren Texten widme, sammele das Hochstift in Frankfurt die älteren, also jene, die Goethe während seiner Zeit in Frankfurt verfasst hat. Dennoch befindet sich ein „Schnipsel“ des zweiten Teils von „Faust“ in der Sammlung, der zeigt, wie sehr Goethe schon zu Lebzeiten verehrt wurde – und wie man damals mit den Autographen umging: Der Besitzer des Fragments hatte Goethes Unterschrift aus einem anderen Schriftstück herausgeschnitten und auf den „Faust“-Auszug geklebt.

          Sammlung setzt sich bis in die Gegenwart fort

          Auch Goethes „Biographisches Schema“ liegt in Frankfurt. Dabei handelt es sich um eine Vorarbeit für seine Autobiographie. Schon im Entwurf sind die ersten Worte von „Dichtung und Wahrheit“ zu finden: „Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf kam ich in Frankfurt am Main zur Welt.“ An der Handschrift kann man erkennen, wie Goethe innerhalb dieses Textes zwischen der sogenannten Deutschen Kurrentschrift und der lateinischen Schrift wechselte, die heute noch gebräuchlich ist. Die Deutsche Schrift war seine Standardschrift, doch sobald er Eigennamen oder fremdsprachige Texte schrieb, wechselte er in das lateinische Alphabet. So schreibt er in diesem Autograph über Voltaires Besuch in Frankfurt.

          Trotz des steten Wechsels zwischen beiden Schrifttypen hat sich Goethes Handschrift im Laufe seines Lebens nur wenig verändert, auch das ist im Handschriften-Archiv zu studieren. So gleicht seine Schrift bei einem frühen scherzhaften Gedicht an seine Freunde in Darmstadt, dem „Concerto Dramatico“, derjenigen, die den Briefbogen an Wilhelmine von Münchhausen bedeckt. Dass der damals mehr als 80 Jahre alte Goethe nicht einem Schreiber diktierte, wie er es oft getan hat, ist als eine besondere Geste an die Empfängerin zu verstehen.

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