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Sam Nhlengetwa : Aus den Townships in die Museen der Welt

Konfrontation mit der Vergangenheit: Sam Nhlengethwa mit Yvette Mutumba im Atelier des Weltkulturen Museums Bild: Wonge Bergmann

Sam Nhlengethwa ist einer der bekanntesten Künstler Südafrikas. Nun verbringt er einen Monat in Frankfurt und beschäftigt sich mit der südafrikanischen Kunstsammlung des Weltkulturen Museums.

          Den ganzen Juli über hat Sam Nhlengethwa in Frankfurt als Gast des Weltkulturen Museums gearbeitet und gelebt. Die Institution verfügt in einem ihrer Gebäude am Schaumainkai über Gastwohnungen und auch über Ateliers, in denen sich Künstler mit der Sammlung auseinandersetzen können. Und obwohl der 1955 in Südafrika geborene Nhlengethwa zum ersten Mal in der Stadt am Main war, traf er dort einen alten Bekannten wieder: Hans Blum, den Pastor aus Frankfurt, der – jetzt längst im Ruhestand – 1986, vom damaligen Direktor des Weltkulturen Museums Josef Franz Thiel beauftragt, zeitgenössische Kunst aus Südafrika für die Sammlung kaufte.

          Katharina Deschka

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Er habe sich sehr gefreut, seinen Freund nach langer Zeit wiederzusehen, erzählt Nhlengethwa. Die Freundschaft der beiden Männer hielt, auch wenn sich vieles geändert hat seither – zum Guten. Als Blum 1986 fünf Collagen von Nhlengethwa für das Frankfurter Museum kaufte, war der südafrikanische Künstler zwar schon dabei, sich einen Namen zu machen. Jetzt aber zählt er zu den bekanntesten Künstlern Südafrikas, hatte etliche erfolgreiche internationale Ausstellungen, war etwa bei der Biennale in Venedig 2013 zu sehen, und wird von der Goodman Gallery Johannesburg vertreten. Und natürlich hat sich in seiner Heimat längst das getan, worauf so viele Südafrikaner so lange gehofft hatten: Das Ende der Apartheid ist eingetreten.

          Blum unterstützte schwarze Künstler

          Doch als sich die beiden Männer kennenlernten und Hans Blum dem schwarzen Künstler Werke abkaufte, war das noch ein expliziter Akt von Respektsbezeugung. Nhlengethwa erinnert sich, dass Blum nie die Preise für die Kunstwerke zu drücken versuchte und dass sich unter den Künstlern in Johannesburg diese Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete. Da war einer, der sie ernst nahm. Zumal Hans Blum, der bis Anfang der achtziger Jahre selbst zwei Jahrzehnte in Südafrika gelebt hatte, auch privat die Arbeiten schwarzer Künstler sammelte, weil die weißen schon genug Unterstützung bekamen, wie er fand.

          Er habe sich in schwierige Situationen dafür gebracht, sagt Yvette Mutumba, Kustodin der Afrikanischen Abteilung des Weltkulturen Museums: Blum sei mit Schwarzen in die Townships gefahren, um sich deren Bilder anzusehen, versteckt im Fußraum, um nicht entdeckt zu werden.

          Er nahm das in Kauf. „Er unterstützte die Leute.“ Für Yvette Mutumba ein Akt der Liebe. Auf verschiedene Begriffe der Liebe soll sich auch die Ausstellung beziehen, die die Kuratorin unter dem Titel „A Labour of Love“ für Anfang Dezember vorbereitet. In Zusammenarbeit mit der Künstlerin und Kuratorin Gabi Ngcobo von der Wits School of Arts in Johannesburg hat sie das Motto einem Text des Anti-Apartheid-Aktivisten Albie Sachs entnommen, der nach all den Kämpfen für die Freiheit die Frage stellte: „And what about love?“

          Frischer Blick auf alte Werke

          Vorgestellt werden sollen von Dezember an ausgewählte Arbeiten der rund 600 Exponate umfassenden Sammlung von Gegenwartskunst aus Südafrika – eben jenen Werken, die Hans Blum in den achtziger Jahren für das Museum erwarb, darunter Arbeiten von renommierten Künstlern wie Peter Clarke, Lionel Davis, David Koloane, John Muafengejo, Dan Rakgoathe und Azaria Mbatha. Sie sollen allerdings in Bezug gesetzt werden zu den Werken ganz junger Künstler und Kuratoren der Wits School of Arts in Johannesburg, die nun selbst Arbeiten für die Ausstellung erschaffen.

          Ein frischer Blick auf die Sammlung sei ihr wichtig, sagt Yvette Mutumba: Wie nehme die junge Generation die Werke wahr, die alle in der Zeit der Apartheid von schwarzen Künstlern geschaffen worden seien. Die Jungen hätten diesen Kampf ja nicht mehr miterlebt.

          Nhlengethwa thematisiert Apartheid

          Sam Nhlengethwa jedoch hat ihn miterlebt. Viele seiner Arbeiten beziehen sich darauf. Sie thematisieren Ereignisse wie den Tod des Bürgerrechtlers Steve Biko im Jahr 1977 oder das Massaker von Sharpeville, bei dem 1960 einige tausend Schwarze friedlich demonstrierten und dennoch 69 Menschen von Polizisten erschossen wurden, und zeigen blutende und tote Menschen auf der Straße, einen Mann auf Knien, umgekippte Häuser.

          Doch natürlich, und auch das ist Yvette Mutumba wichtig, dreht sich im Werk der südafrikanischen schwarzen Künstler jener Zeit auch nicht alles nur um Politik, wenn auch die Tatsache, Künstler zu sein, an sich schon eine Aussage war. Sam Nhlengethwa zum Beispiel liebte schon immer den Jazz, und eine Reihe seiner Bilder beschäftigen sich mit Musikern. Oder auch mit dem Leben in den Townships, mit dem Alltag dort, mit Frauen, die vom Einkauf kommen und sich unterhalten.

          In Frankfurt allerdings hat sich Sam Nhlengethwa wieder mit seiner eigenen künstlerische Vergangenheit auseinandergesetzt, als er zum ersten Mal nach 29 Jahren seine Collagen wiedersah, die er einst an Hans Blum verkaufte. Auch die Sammlung seiner Kollegen sah er durch, von denen viele am Rorke’s Drift Art and Craft Centre ausgebildet wurden wie er. Jetzt, in Frankfurt, hat Sam Nhlengethwa in Auseinandersetzung mit den früheren Arbeiten aus der Zeit der Apartheid neue Gemälde, Fotocollagen und Drucke geschaffen.

          Eines zeigt Menschen in der Großstadt unter Schirmen, die sich gegen die Hitze wappnen. Ein anderes, eine Fotocollage, türmt moderne Hochhäuser und Glasfassaden aus Johannesburg übereinander – fast könnte man meinen, es handele sich dabei um Frankfurt. Eine Großstadt eben, heute und jetzt. Wäre da nicht dieses Schild im Vordergrund, das noch einmal alte Zeiten aufleben lässt und die Gegenwart auf den Prüfstand stellt: „Net Blankes“ steht darauf, „Nur Weiße“.

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