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„Quichotte“ in Wiesbaden : Trauriger Ritter mit Baseballkappe

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Schwierige Inszenierung: Salman Rushdies „Quichotte“ am Wiesbadener Staatstheater Bild: Karl und Monika Forster

Eigentlich ist Salman Rushdies Roman „Quichotte“ nicht geeignet für die Bühne. Am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden scheitert Daniel Kunze lustvoll und klug daran.

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          Miguel de Cervantes’ Klassiker „Don Quijote“ erzählt von einem, der in den Bann der Ritterromane gerät, seine Welt mit der Fiktion verwechselt, um schließlich gegen Windmühlen zu kämpfen. Salman Rushdies vor zwei Jahren erschienener Roman „Quichotte“ holt die weltliterarische Figur in die Gegenwart und lässt einen nicht minder armseligen Helden seinen Realitätssinn durch die von ihm konsumierten TV-Reality-Shows verlieren. Damals wie heute führt die Verwechslung von Phantasie und Wirklichkeit ins Unheil.

          Mehr als 400 Seiten stark ist der Roman, in dem Ismael Smile, ein alternder Pharmavertreter indischer Abstammung, sich zunächst einen Sohn namens Sancho imaginiert, um mit diesem dann kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten zu fahren, auf der Suche, hier natürlich im Aventüre-Ton „Quest“ genannt, nach Miss Salma R., der angehimmelten TV-Talkerin. Als ein mit allen Wassern der Postmoderne gewaschener Autor belässt Rushdie es natürlich nicht bei einer Ebene. Er lässt diesen ganzen Roman von einem Autor erzählen, der bislang Spionageromane geschrieben hat und sich nun an diesem Stoff recht eindeutig verhebt. Der Roman springt zwischen diesen beiden Ebenen hin und her, die erfundene Gestalt und ihr Erfinder bespiegeln, konterkarieren, hinterfragen einander, auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zur Gänze.

          Nicht minder bewundernswert größenwahnsinnig als Rushdies weltliterarische Travestie ist der am Hessischen Staatstheater Wiesbaden nun auf die Bühne des Kleinen Hauses gewuchtete Versuch, aus dem sich in zahllosen Binnengeschichten, Anspielungen und Abschweifungen absichts- und kunstvoll verlierenden Roman einen Theaterabend zu machen. Natürlich kann ein solches Unterfangen nur scheitern, aber Regisseur Daniel Kunze, der gemeinsam mit Marie Johannsen ein spielbares Destillat aus dem Text erstellt hat, scheitert groß, und ihm dabei zuzusehen macht Spaß.

          Vorbeihuschende, surreale Bilder

          Das liegt zum einen an den herrlich überdreht agierenden Schauspielern, allen voran Rainer Kühn, der in seinem rosa Anzug mit Baseballkappe einen modernen Ritter von der traurigen Gestalt abgibt. Zum andern aber daran, dass Kunze sich die Möglichkeit der Bühne, vieles gleichzeitig sichtbar zu machen, wirkungsvoll zunutze macht. Christian Klischat, als Schriftsteller in Schlafanzug und Morgenmantel, schweift ständig um seinen Quichotte und dessen Sohn (Christoph Kohlbacher), um die Diva Salma (Sybille Weiser) und den Tablettendealer Dr. R. K. Smile (Thomas Peters) herum, stoppt die Handlung, kommentiert und arrangiert. Bis schließlich seine eigene Lebensgeschichte in den Vordergrund rückt und der Quichotte-Roman als autobiographischer Lebensbewältigungsversuch erkennbar wird. Dazwischen geht es immer wieder um die amerikanische Opioid-Krise, um Rassismus, Fake News und den Irrsinn der Medienwelt.

          Denn natürlich ist der Roman zu heterogen, um eine schlüssige, dramaturgisch abgerundete Bühnenversion daraus zu bauen. Daniel Kunze verlässt sich klug auf die Ausgestaltung einzelner Szenen, die knapp zweieinhalb Stunden sind eher Collage als Drama, und naturgemäß gibt es neben begeisternden satirischen Kabinettstückchen auch Banales und unnötig Verwirrendes. Keinen Moment aber gibt es Leerlauf. Als zappte man sich durch einen endlosen TV-Strom, rollt, tanzt, trippelt und zuckt die Statisterie in bizarren Kostümen (Sophie Leypold) über Dorothea Lütke Wöstmanns Bühne, deren Wände sich immer neu zusammen- und auseinanderschieben.

          Ohnehin sind es vor allem die surrealen, wie beiläufig vorbeihuschenden Bilder, die vergessen machen, dass man, sofern man den Roman nicht gelesen hat, wenig versteht von dem, was die bunte Schar auf der Bühne da treibt. Aber so soll es wohl auch sein, denn eben diese Überforderung ist Thema und Form der Romankunst Rushdies, dies dramatisch umzusetzen kann nur im lustvollen Scheitern gelingen.

          Die nächste Aufführung von „Quichotte“ ist am 12. Juli um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden.

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