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Kunst und Poesie : Gegen Interpretationen

„schweigen“, eines der bekannten Werke der Konkreten Poesie, 1952 von Eugen Gomringer verfasst, bevor es diesen Begriff gab. Bild: Opelvillen

In den Rüsselsheimer Opelvillen wird vom 25. September an eine Doppelausstellung mit Konkreter Poesie und Konkreter Kunst gezeigt. Hier finden sich keine Schnörkel, dafür aber Abstraktion.

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          Die Zusammenstellung von „Alleen und Blumen und Frauen“, denen auch noch ein „Bewunderer“ beigesellt wurde, sorgte voriges Jahr für eine heftige Debatte, in der die Verächter und die Verfechter des Werks regelmäßig aneinander vorbei diskutierten. Mittlerweile ist das Gedicht von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule entfernt worden, dafür prangt es, nicht weit davon entfernt, nunmehr sogar in Leuchtschrift und sowohl auf Deutsch als auch auf Spanisch an den Wänden eines Gebäudes. Die Genossenschaft, der es gehört, gab den Zeilen eine neue Heimat, nachdem sie von Studentenvertretern und anderen politisch Korrekten als Ausdruck einer patriarchalischen, Frauen objektivierenden Haltung kritisiert worden waren und deshalb weichen mussten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Der 1925 geborene Autor stellte sich mutig den Anwürfen, verstand jedoch als einer der großen Avantgardisten und Begründer der Konkreten Poesie die Welt nicht mehr. Immerhin erlangte das 1951 geschriebene Schlüsselwerk mit dem Originaltitel „Avenidas“ dank der Auseinandersetzung einen Bekanntheitsgrad, wie man ihn der modernen Lyrik eigentlich nur wünschen kann.

          Ob dabei auch die Einsicht in den Charakter der Konkreten Poesie gewachsen ist, wagen wir zu bezweifeln, aber wer sich redlich darum bemüht, hat jetzt die Gelegenheit, sich dank einer ganz wunderbaren Schau in das Thema zu vertiefen. Die Opelvillen Rüsselsheim beschäftigen sich in einer Doppelausstellung mit der Konkreten Poesie von Gomringer, Augusto de Campos und Freunden sowie mit dem Werk des brasilianischen Designers Geraldo de Barros. Die künstlerischen Wege aller kreuzten sich in der Ulmer Hochschule für Gestaltung, die 1953 gegründet wurde, in deren Geist aber schon ein paar Jahre zuvor an Bauhaus-Idealen und modernen Minimalismen orientierte Dichter und Designer gemeinsame Sache machten.

          Ästhetische Reduktion und sozialer Impetus

          Der Originaltisch, an dem Gomringer und sein brasilianischer Mitstreiter Décio Pignatari 1955 den Begriff „Konkrete Poesie“ ausheckten, ist jetzt in Rüsselsheim zu sehen, darauf steht Gomringers alte Schreibmaschine, seinerzeit das Mittel der Wahl, um absolut zeitgenössisch zu sein. Neben Werken dieser beiden werden solche von Augusto de Campos in einer Weise, nämlich als großflächige Wort-Bilder, präsentiert, die der Konkreten Poesie gerecht wird, die angetreten war, kein Wesen unabhängig von der Erscheinung, keine Interpretation hinter dem sprachlichen Material, keine Bedeutung jenseits der Wörter zuzulassen. Jedes Wort ein Ding, jedes Gedicht eine feste Form aus Zeichen, Gomringer nannte seine Arbeiten „Konstellationen“ und verband damit die Idee eines formalen Gebildes ohne doppelten Boden, tieferen Sinn oder höhere Bedeutung. So kam es auf die graphische Qualität eines Poems an.

          In einer geradezu erstaunlichen Parallele zu den Bild-Dichtern, deren Spiel mit der Sprache den strengen Vorgaben der abstrakt-konkreten Moderne folgt, schuf Geraldo de Barros sein Werk, das unter anderem Möbel, Graphik und Fotografie umfasst. Die Begegnung mit dem kommunistisch gesinnten Dominikaner João Batista Pereira dos Santos führte zur Gründung von „unilabor“ in São Paolo, wo der Grundgedanke des Bauhauses, die gute Form in den Alltag aller zu integrieren, in die Tat umgesetzt wurde.

          Werkstätten entstanden, in denen Regalsysteme, Tische, Stühle, Betten produziert wurden, von denen in der Rüsselsheimer Schau einige gezeigt werden. Ästhetische Reduktion und sozialer Impetus vereinten sich, wie im Fall von Gomringer gibt es auch hier Verbindungen zu Max Bill und den Ulmern, Geraldo de Barros ist, wie seine graphischen und fotografischen Arbeiten zeigen, ein lupenreiner Vertreter der Konkreten Kunst. Kein Schnörkel, nirgends. Aber eine Abstraktion, die ausgesprochen menschenfreundlich daherkommt.

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