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„Rückbindung an Welt“ : Das Mystische zeigt sich

  • -Aktualisiert am

Abwärts: Werk von Sam Falls im Frankfurter Kunstverein Bild: Sam Falls / Galerie Eva Presenhuber Zürich

Seltsame Materie: Im Frankfurter Kunstverein ist eine Schau mit dem leicht irritierenden Titel „Rückbindung an Welt“ zu sehen.

          3 Min.

          Es duftet. Aber nur, wenn es dunkel ist in den drei Terrarien. Denn der Nachtjasmin entfaltet seinen Wohlgeruch nur, während das Licht aus ist. Im Frankfurter Kunstverein geht es um drei Uhr nachmittags an, dann nimmt der olfaktorische Faktor deutlich ab. Wie eine Versuchseinrichtung wirken die Kästen im Foyer des Hauses, aber eine, in der die Natur nicht aufgelöst und zergliedert wird, sondern sich entfalten kann. Die Arbeit stammt von Hicham Berrada und ist Teil einer Ausstellung mit Werken von ihm sowie Lucy Dodd und Sam Falls.

          „Rückbindung an Welt“ ist der merkwürdige Titel in Anlehnung an Raoul Schrotts Epos „Erste Erde“, eine dichterische Weltentstehungssaga auf Grundlage der strengen Naturwissenschaften. Um die Poesie, Magie und Mystik, die sich aus natürlichen Vorgängen ergeben, geht es auch in der Schau. Kunstvereinsleiterin Franziska Nori hat drei Positionen ausgewählt, die auf jeweils eigene Weise Ästhetik und Natur verbinden. Wenn es sein muss, auch mit digitalen Mitteln. Zumeist jedoch genügen altbekannte Techniken, die auf durchaus überraschende Art angewendet werden.

          Stete wellenförmige Bewegung

          Der Eindruck, wenn man den Kunstverein betritt, ist zunächst der eines ruhigen Fließens, einer steten wellenförmigen Bewegung, zudem scheint hier Klarheit zu herrschen, was die Formen und Farben angeht, nichts wirkt überflüssig, sondern wie der Ausdruck einer heiteren Vertiefung in künstlerische Fragen. Die sich bei näherer Betrachtung jedoch als solche entpuppen, in denen es nicht allein um eine gültige ästhetische Formel geht, sondern auch und vor allem darum, was die Welt im Innersten zusammenhält, ohne sich mathematisch darstellen zu lassen. Man fühlt sich an Wittgenstein erinnert: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ In der Ausstellung wird es als Grenzphänomen bei Berrada sichtbar, bei Dodd in den Materialien, bei Falls in Dingen, die mittels einer Art natürlicher Belichtung in Abbilder ihrer selbst verwandelt werden.

          Falls hat die von den Avantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts geübte Praxis der Direktbelichtung in eine neue Dimension geführt. Statt auf Fotopapier Gegenstände zu legen, um sie sodann dem Licht auszusetzen, nutzt er große Stoffbahnen, die er auslegt und mal mehr, mal weniger sparsam mit Objekten bedeckt. Holzpaletten etwa oder Autoreifen. In der kalifornischen Sonne lassen sie nach Tagen, Wochen und Monaten Spuren zurück, während die Farbe der Stoffbahnen ausbleicht. Es bleiben Abdrücke, die gleichsam vom natürlichen Licht geschaffen wurden.

          Eindruck aus der Schau im Frankfurter Kunsteverein
          Eindruck aus der Schau im Frankfurter Kunsteverein : Bild: Falls

          Andere Stoffe setzt Falls dem Regen aus, nachdem er Pigmente auf sie gestreut hat. Nieselregen ergibt andere Formen als ein ordentlicher Platzregen. Die vom Himmelsnaß ebenso wie die von der Sonne erzeugten, gelegentlich psychedelisch anmutenden Werke sind von einer großen Anmut, der Zufall spielt bei ihrer Herstellung eine entscheidende Rolle, der Gedanke an surrealistische Praktiken, die der Natur das Szepter bei der Herstellung von Kunst in die Hand geben wollten, stellt sich ein. Eine andere farbenfrohe Serie des Amerikaners kam zustande durch die Direktbelichtung von Vinylschallplatten und ihren Hüllen, Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ waren darunter. In einer Klanginstallation wird das Werk auf 365 Tage gedehnt, die Töne, die so in unendlichen Tiefen schwängen, werden jedoch auf eine hörbare Frequenz gebracht.

          Viele verschiedene Materialien

          In Dodds Zeichnungen, großformatigen Leinwandwerken und ihrer Installation aus Schnüren und Seilen in der Raummitte ist ebenfalls mehr Natur enthalten, als der Besucher auf den ersten Blick vermuten mag. Die Liste der verwendeten Materialien ist lang, aus denen sie Werke schafft, die abstrakt-expressionistischen ähneln, aber mitunter auch collageartige Züge haben: der Flügel eines Nachtfalters, Urin, Federn, Kohle, Haare, Tintenfischfarbe und Zwiebelschalen sind beispielsweise Ingredienzien dieser Kunst-Alchimie. Nachdem die Amerikanerin erkannt hatte, dass das Gestaltungsprinzip des Raums, in dem sie ausstellen sollte, das Quadrat ist, hat sie ihre Arbeiten dieser geometrischen Form angepasst.

          Der franko-marokkanische Künstler Berrada präsentiert ein scheinbar natürlich wachsendes Rhizom auf einem großen Flatscreen – alles ist computergeneriert. In einer anderen Arbeit werden zwei Bronzeobjekte mittels Elektrolyse einem beschleunigten Veränderungsprozess ausgesetzt, Video-Installationen zeigen chemische Reaktionen unterschiedlicher Substanzen und magnetische Phänomene, die sich real im Nanobereich abspielen. Aus den Versuchen geht eine seltsame Schönheit hervor, die das Naturwissenschaftliche gewissermaßen transzendiert. Das Mystische zeigt sich. Keine Frage.

          Die Schau ist bis 13. Januar zu sehen.

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