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Rudolf Olden : Der Mann, der Hitler früh durchschaute

1926, da hat der Mann, vor dem er so klarsichtig gewarnt hat, seine Festungshaft in Landsberg schon wieder hinter sich, geht Rudolf Olden als politischer Redakteur zum liberal-demokratischen „Berliner Tageblatt“. Siegfried Jacobsohn, Gründer der „Weltbühne“, hat ihn empfohlen, in den nächsten Jahren wird Olden zu einem der wichtigsten Mitarbeiter des Blattes.

Journalismus, Politik und Jurisprudenz gehen für ihn nun Hand in Hand. Im Jahr 1920 war er aus dem Justizdienst entlassen worden, Ende 1929 beantragt und erhält er seine Wiederzulassung als Rechtsanwalt. 1932 gehört er zu den Verteidigern, die Carl von Ossietzky vor dem Reichsgericht vergeblich vor einer Verurteilung wegen Spionage und Landesverrat schützen wollen. Dann kommen der Tag der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Tag des Reichstagsbrandes.

Olden ist vor Gericht, als er erfährt, dass die Gestapo in einem anderen Justizgebäude auf ihn wartet. Er weiß, dass die Zeit für den Gang ins Exil gekommen ist, fährt zum Skilaufen an die Grenze zur Tschechoslowakei und schlägt sich von dort aus nach Prag durch. Seine Freundin Ika folgt ihm wenige Tage später. Die Flucht führt über Österreich, die Schweiz und Paris nach England, wo Ika und Rudolf Olden am 3. Dezember 1933 heiraten. Schon in Prag hat Olden die Broschüre „Hitler der Eroberer“ veröffentlicht, das erste Buch des Malik-Verlags im Exil. 1935 erscheint im Amsterdamer Exil-Verlag Querido seine Biographie Hitlers. Heinrich Mann schreibt ihm am 10. Januar 1936 aus Nizza, er hoffe auf ein baldiges Treffen in Paris: „Gerne hätte ich Ihnen gesagt, wie glänzend und noch mehr als das: wie voll von Wissen und Anschauung Ihr Buch ist.“

Schweren Herzens gen Amerika

In Oxford beginnt Olden 1935, Vorlesungen über deutsche Geschichte zu halten. Es ist das Jahr, in dem in der Heimat seine Schriften verboten werden, am 3. Dezember 1936 wird er ausgebürgert. In Oldens neuem Zuhause lässt die britische Regierung nach Kriegsbeginn alle im Land lebenden Deutschen nach ihrer politischen Zuverlässigkeit klassifizieren. Im Sommer 1940, der Krieg ist an die Kanalküste vorgerückt, wird auch Olden, an dessen Verlässlichkeit keinerlei Zweifel bestehen, interniert. Zwei Tage zuvor haben die Oldens ihre Anfang 1938 geborene Tochter Mary Elizabeth, die heute in Israel lebt, auf einem Kindertransport nach Kanada in Sicherheit gebracht.

Die Eltern beschließen, in die Vereinigten Staaten zu gehen. Dort hat Olden eine Stelle an der New School for Social Research in Aussicht. „Aber ich fahre schweren Herzens. Es waren gehetzte Wochen, die ich hinter mir habe, noch dazu meist in Krankheit verbracht. So habe ich, fürchte ich, nicht so viel tun können, wie ich hätte sollen.“ Trotzdem schiffen sich Ika und Rudolf Olden am 12. September 1940 auf der „City of Benares“ ein. Am 17. September wird sie torpediert und sinkt in einer halben Stunde. Unter den 253 Toten sind die Oldens.

Thomas Mann notiert im Tagebuch: „Nachricht, dass R. Olden und Frau bei der ruchlosen Torpedierung des Kinderschiffes umgekommen. Grauen.“ Und am nächsten Tag: „Goebbels lässt jetzt erklären, man habe das Schiff absichtlich versenkt, weil man gewusst habe, dass R. Olden darauf sei, was natürlich eine dumme Lüge ist.“ Eine Lüge, die zeigte, was für einen ernstzunehmenden Gegner das Regime in Olden sah.

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