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Rudi Hurzlmeier im Caricatura : Wie das besondere Einhorn gezeugt wird

Zugewandt: „Return of the Unicorn“ von Rudi Hurzlmeier Bild: Caricatura

Phantastische Räume der Unvernunft: Die Gemälde und Zeichnungen von Rudi Hurzlmeier sind in einer Ausstellung im Frankfurter Caricatura Museum zu sehen.

          3 Min.

          In einem Paradiesgarten steht ein Mädchen, umschwebt von Vögeln, Blüten und Früchten, und wie in einem Traum stimmen Proportionen und glühende Farben von bizarren Zweigen, einem winzigen Schiff und riesigen Blüten nicht mit der Realität überein. Doch wirkt alles zunächst so heiter, wie der Titel „Der Lenz ist da“ es nahelegt. Bis man den abgeschnittenen Finger entdeckt, der in der Mitte des Gemäldes auf einem weiß gedeckten Tischlein prangt.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Da ist er wieder, der wohldosierte Schrecken, den der Künstler und Cartoonist Rudi Hurzlmeier den Betrachtern seiner Werke gezielt zuzufügen vermag. In der Ausstellung „Hurzlmeier Malerei“ im Frankfurter Caricatura Museum kann man sich bei 100 Werken auf Leinwand und Papier von Hurzlmeier, die allesamt in der Satirezeitschrift Titanic erschienen sind, einen genaueren Eindruck davon machen, wie er das anstellt, mit kleinen Unstimmigkeiten seine Betrachter zu irritieren und sie beim Anschauen seiner Bilder dazu zu bringen, nach jenen Details zu suchen, die hier ganz und gar nicht stimmen.

          Komische und obszöne Welt

          Seit 1985 ist Hurzlmeier für die Titanic tätig. Mehr als 40 Bücher und Kataloge dokumentieren das Schaffen des Künstlers, der schon vielfach für sein Werk ausgezeichnet wurde. Den Deutschen Karikaturenpreis hat er dreimal erhalten. Bekannt ist Hurzlmeier aber vor allem Lesern von Medien wie dem Penthouse Magazin, dem Eulenspiegel, der Zeit, dem Stern oder der Süddeutschen Zeitung, denen er in seiner langen Laufbahn als Cartoonist und Maler regelmäßig Beiträge lieferte. Denn gemeinsam mit Ernst Kahl und Michael Sowa war er es, der zum Einzug der Malerei in die Komische Kunst beitrug und die Technik der Alten Meister für seine Cartoons nutzte. Seine opulenten Gemälde zitieren Elemente klassischer Stillleben, Akt- und Landschaftsmalerei und erschaffen daraus eine verstörende, komische und obszöne Welt.

          Zitat des Mädchens mit Taube: Aus der Sicht von Hurzlmeier
          Zitat des Mädchens mit Taube: Aus der Sicht von Hurzlmeier : Bild: Caricatura

          Die Schau orientiert sich deswegen an den Werkkategorien, die der Maler Hurzlmeier selbst geschaffen hat – in Anlehnung an und als Persiflage auf die alten Meister und versehen mit Manet-Himmeln und Caspar-David-Friedrich-Figuren, die sehnsüchtig aufs Meer hinausschauen. So sind „Pferdebilder“, „Moderne Hochgebirgsmalerei“, „Seestücke“, „Stillleben“ und „Heiligenbilder“ zu sehen: Da sind beim „Wandertag“ Affen, die sich wuselnd wie Schulkinder auf Wegen und Bäumen zerstreuen. Da sind Berggipfel, neben denen riesige Enten schwimmen. Da sind Pferde, die den abgeworfenen Reiter fressen. Vom Himmel fallende Schädel, Spinnen und Bomben auf dem Gemälde mit dem Titel: „Nach einer lähmenden Hitzewelle hagelt es erfrischende Hiobsbotschaften“. Es gibt den Mann, der mit geöffnetem Bademantel an der Balkontür steht und von einer Frau gegenüber durch ein Fernglas angestarrt wird. Ein Nashorn, das von einem Pferd begattet wird. Ein Perücke tragendes Hochhaus. Wanderer beim Sex im Wald. Und der Mond, der ein Bad auf der Erde nimmt.

          Hurzlmeier ist Autodidakt

          In Vitrinen sind noch mehr Schätze zu entdecken, wie die schreiend komische Serie „Regelvollzug Aquarellmalkurs“ mit Hurzlmeier als Kursleiter im Gefängnis oder die Tierporträts mit abgeknutschten Fröschen und trinkenden Bären. Und wie die an Kunsthochschulen als Regelwerk dienende Abhandlung Hurzlmeiers „Über das Lächerliche an komischen Zeichnungen“. Das Malen brachte sich der 1952 geborene Hurzlmeier, der sich viermal vergeblich an der Kunstakademie bewarb, als Autodidakt bei – vor allem durchs Betrachten. Kunst ist für ihn wie ein Sprung ins Ungewisse, Bodenlose. „Das mag daher rühren, dass man beim Malen dem permanenten Sog der leeren Leinwand ausgeliefert ist“, so Hurzlmeier.

          Seine Malerei eröffne „phantastische Unvernunftsräume“, sagt Hurzlmeier. Sie habe mit der Realität nichts zu tun. Mit seinen Karikaturen greife er nur selten aktuelle Themen auf, nie seien sie konkrete politische Stellungnahmen. Deswegen behandelt Hurzlmeier nicht Corona. Das können andere tun, findet er. Wenn man seine Skulpturen sieht, die etwa René Magritte zitieren, wie die Pfeife, die behauptet, keine zu sein, ahnt man, dass Hurzlmeier wie ein Surrealist versucht, sich von allen Sinnzusammenhängen spielerisch freizumachen. Und saukomisch ist er noch dazu.

          Hurzlmeier Malerei ist bis 18. April 2022 im Caricatura Museum Frankfurt, Weckmarkt 17, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Katalog im Antje Kunstmann Verlag kostet 25 Euro.

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