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Sting und Shaggy live in Mainz : Roxanne trifft Carolina

  • -Aktualisiert am

Ohren auf! Sting und Shaggy in Mainz Bild: Cornelia Sick

Credo der introspektiven Hymne inklusive: Sting und Shaggy verwandeln bei ihrem gemeinsamen Konzert in Mainz den Volkspark in ein imaginäres Trenchtown.

          Deutlichen Verdruss lässt eine silberhaarige Dame reiferen Alters sich anmerken als sie schimpft: „Wenn ich gewusst hätte, dass Sting mit Shaggy auftritt, hätte ich mich nicht auf den Weg nach Mainz begeben!“ Zum Beweis zieht sie ihr Ticket hervor. Tatsächlich, auf der Karte mit Foto des Künstlers ist lediglich Sting annonciert. Das kann ja heiter werden. Ob sich im seit Wochen ausverkauften Volkspark noch mehr Besucher finden, die nur den einen Künstler, aber keinesfalls den anderen erleben möchten?

          Lautstarker Protest erhebt sich weder als das Reggae-gefärbte Intro von „Englishman In New York“ vom nahen Auftritt des Duos kündet, noch als Sting und Shaggy sich unter großem Jubel des Publikums zu ihrer Band gesellen. Glück gehabt. Binnen Sekunden wird das Areal mit positiven Schwingungen geflutet und selbst die silberhaarige Dame und ihre männliche Begleitung wiegen sich sanft zum Off-Beat.

          Schwule britische Kultfigur

          Sting intoniert die Zeilen „I don’t take coffee, I take tea my dear, I like my toast done on one side“ seines Hits aus dem Jahr 1988 über die schwule britische Kultfigur Quentin Crisp, Shaggy schwingt dazu die jamaikanische Flagge und vervollständigt dann den Text: „And you can hear it in my accent when I talk, I’m a Jamaicaman in New York“. Von da an sind lautstarkes Mitsingen, dezentes Mitwippen, fröhliches Geschunkel und vereinzelt auch ausgelassener Ausdruckstanz geradezu Pflicht. Auch der äußere Rahmen des Konzerts ist optimal: ein warmer Sommerabend, kein Wölkchen am noch blauen Himmel sowie eine immer wieder von angenehmer Brise durchzogene Luft zum Anfassen.

          Bedeckt: die Jamaika-Flagge erscheint als Mütze von Sting Bilderstrecke

          Zu einander passend erweist sich das prominente Gespann aber nicht nur auf kleinstem gemeinsamem Nenner: „Mr. Lover Lover“ Shaggy, vor 49 Jahren als Orville Richard Burrell auf Jamaika geboren, frönt seit seinem Karrierestart im Jahr 1992 einer Reggae-mit-was-auch-immer-Fusion. Brite Sting alias Gordon Matthew Thomas Sumner (66) nutzte vor allem in seiner Frühzeit als Frontmann des New-Wave-Trios The Police, aber gelegentlich auch noch später das jamaikanische Idiom. Ohnehin um Eklektizismus nie verlegen, überraschte Sting immer wieder mit erstaunlichen Wandlungen: Maghreb-Folklore, Renaissance-Klänge, Klassik-Adaptionen, Winter-Lieder, Shantys oder Großorchestriertes wechselten mit Pop, Rock, Folk, Blues, Jazz und Country.

          Duettwerk „44/876“

          Die Besinnung auf Reggae bietet nun das im April erschienene Duettwerk „44/876“, benannt nach den internationalen Telefonvorwahlen für Großbritannien und Jamaika. Für gemeinsame Auftritte lässt sich da folgende Dramaturgie erkennen: Im Reißverschlussverfahren flankieren Hits aus beider Weltkarrieren die Neuproduktion mit bestenfalls solidem Material. Was beide sonst noch verbinden könnte, lässt die Körpersprache erahnen: Wenn Shaggy bei gemeinsamen Gesangspassagen Sting immer wieder seinen Arm innig um die Schulter hängt, bleibt eigentlich nur das Resümee: eine authentische Männerfreundschaft. Im Vorfeld der Tournee ließ Sting, selbsternannter Regenwaldretter mit Hang zu gelegentlichem Weltschmerz, wissen: „Unserer beider männlichen Egos sind nicht stark ausgeprägt, wir sind beide Feministen.“

          Im Rampenlicht befolgt das Duo eine klassische Rollenverteilung: Shaggy, von aufgewecktem Naturell, eignet sich als Animateur, der den bunten Liederabend mit dem Anmachspruch „Let’s get the party started“ einleitet und von da an beständig die Bühne durchmisst. Introvertiert statisch zupft ein athletisch gebliebener Sting virtuos seinen uralten Fender-Bass, meistert das noch immer makellose Stimmtimbre unaufgeregt, erweist sich rundweg als der Talentiertere von beiden und lächelt ansonsten weltentrückt.

          Schlicht exquisit ist die fein nuancierte Klangbalance, geliefert von Begleitern, die sich basisdemokratisch aus Musikern beider Bands zusammensetzt: Aus Stings Umfeld kommen Schlagzeuger Josh Freese sowie die Langzeitwegbegleiter Dominic Miller und dessen Sohn Rufus an den E-Gitarren. Shaggy steuert Keyboarder Kevon Webster sowie die mehrmals mit spontanem Applaus bedachten Harmoniesängerinnen Monique Musique und Gene Noble bei.

          Credo der introspektiven Hymne

          Spätestens mit „Every Little Thing She Does Is Magic“, der ersten Police-Coverversionen, verortet sich der Volkspark in ein imaginäres Trenchtown, Kingston. Gelegentlich ziehen Schwaden süßlichen Duftes durch dieses Utopia, derweil Welthits zu Medleys überblendet: „Oh Carolina“ schmiegt sich an „We’ll Be Together“, „So Lonely“ an „Strength Of A Woman“ und „Roxanne“ an „Boombastic“. Gar zur Menage-à-trois im Grünen avancieren „If You Can’t Find Love“, „Love Is The Seventh Wave“ und „To Love And Be Loved“.

          Glanzlichter sind indessen Stings Meisterwerke „Fields Of Gold“, „If You Love Somebody (Set Them Free)“, „Shape Of My Heart“ sowie schon im Zugabenteil das mit orientalischer Perkussion veredelte „Desert Rose“. Aufgespart für das Finale bleiben „It Wasn’t Me“ und „Every Breath You Take“. Sting gehört das letzte Wort: Mit Akustikgitarre anstatt seines Basses leitet er mit Shaggy durch eine majestätische Version von „Fragile“. Wie ein Echo hallt das Credo der introspektiven Hymne durch die Nacht: „Perhaps this final act was meant to clinch a lifetime’s argument that nothing comes from violence and nothing ever could“.

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