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Romantik-Festival in Frankfurt : Haus in Hanglage

Drei Männer in Betrachtung des Fotografen: Hauke Hückstädt, Leiter des Frankfurter Literaturhauses, Jan Vlak, künstlerischer Leiter des Romantik-Festivals, und Programmassistent Benno Hennig von Lange (von links) Bild: Fricke, Helmut

Heute ist nicht nur heute und damals ist nicht nur damals: Das Frankfurter Literaturhaus zeigt eine Woche lang, was Schriftsteller der Gegenwart mit der Romantik verbindet.

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          William Faulkners Satz von der Vergangenheit, die nicht tot ist, sondern nicht einmal vergangen, findet Hauke Hückstädt derzeit immer wieder aufs Neue bestätigt. Jeder, sagt der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, stoße in seinem Alltag auf Schlüssellöcher, hinter denen sich die Romantik verberge. „Wer heute ein Haus in Hanglage kauft und Wert darauf legt, dass es ein Panoramafenster hat“, der schönen Aussicht auf die Landschaft wegen, blickt für Hückstädt genauso durch das Schlüsselloch wie derjenige, der die zeitgenössische „Akzeptanz des Unverständlichen“ bemerkt oder die „Verschmelzung des Unterschiedlichen“ in der Mode spürt. Experimentierfreude, das Gewagte, die „Formlust“ der Romantik, die mit der Freude an der Sprengung überlieferter Formen einhergegangen sei - überall sind für Hückstädt die Spuren jener Bewegung zu finden, die in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts die deutsche Literatur durcheinanderzuwirbeln begann und sich bald darauf auch im Schaffen der Schriftsteller, Dichter und Künstler anderer europäischer Länder bemerkbar machte.

          Epoche der Romantik ist radikal ambivalent

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Den Verbindungen, die von der Gegenwart zur Romantik zurückführen, widmet sich in den nächsten Tagen das Festival „Was wir suchen, ist alles“, das im Literaturhaus heute von 18.30 Uhr an durch Wim Wenders eröffnet wird. Der Filmregisseur und die anderen Teilnehmer des Festivals, zu denen Wenders’ Kollege Edgar Reitz ebenso zählt wie Ursula Krechel, Trägerin des Deutschen Buchpreises, und Sasa Stanisić, der im März für seinen Roman „Vor dem Fest“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, sollen in den nächsten Tagen nicht rekonstruieren, was war, sondern über das Verhältnis von Gegenwärtigem und Vergangenem nachdenken.

          „Wir sehen uns der Herstellung von neuen Kontexten verpflichtet“, sagt Jan Valk. Er ist künstlerischer Leiter des Festivals, dessen Programm er zusammengestellt hat. Der 1978 geborene Germanist, der vor einigen Jahren zusammen mit Autoren wie Thomas Pletzinger, Tilman Rammstedt und Stanisić das Berliner Literaturbüro Adler und Söhne gründete, ist Herausgeber der Zeitschrift „Sprachgebunden“ und kuratiert Veranstaltungen, zum Beispiel für die Lit.Cologne.

          Für ihn gilt es, die Bezüge zu einer Epoche wiederzuentdecken, die sich durch eine extreme Fülle und Vielfalt künstlerischer Ideen auszeichnet. „Es ist eine Bewegung, die nur verstehbar ist durch ihre radikale Ambivalenz.“ Geniekult und Feier der Individualität bei gleichzeitiger Wertschätzung der Freundschaft und der Zusammenarbeit, Anarchismus und Hinwendung zur Religion, Vitalismus und Kult der Krankheit - die Epoche hatte alles und kannte immer auch das Gegenteil. Es sei diese Zerrissenheit, die „sehr gut zu uns passt“, fügt Valk hinzu.

          Verbindung zwischen Romantik und Gegenwart

          Um die Romantik näher zu untersuchen und die fast vergessenen Wurzeln der Bewegung in Frankfurt und dem restlichen Rhein-Main-Gebiet wieder in Erinnerung zu rufen, hat der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, der das Festival finanziert, in den vergangenen beiden Jahren unter dem Motto „Impuls Romantik“ zahlreiche Kulturprojekte gefördert, von der Ausstellung zur „Schwarzen Romantik“ im Städel bis zu dem vom Frankfurter Kulturamt veranstalteten Kongress „Unendliche Annäherung“ im Mai vorigen Jahres, den mit dem Festival des Literaturhauses das Interesse am Blick der Gegenwart auf die Romantik verbindet. Wenn das Förderprogramm des Kulturfonds im Sommer nächsten Jahres ausläuft, wird er für die Romantik insgesamt rund 4 Millionen Euro ausgegeben haben. 150 000 Euro von ihnen bilden den Grundstock von Hückstädts und Valks Etat für das Festival.

          Kurz bevor in knapp vier Wochen der Gewinner des Architekturwettbewerbs für das lange umkämpfte Romantikmuseum bekanntgegeben werden soll, das von der Bundesregierung und mehreren Partnern in Frankfurt neben dem Goethehaus geplant ist, bietet das vom Literaturhaus im Auftrag des Fonds organisierte Festival die denkbar beste Möglichkeit, noch einmal nach den Verbindungen zwischen der Romantik und der Gegenwart zu fragen, denen sich auch das Museum widmen will. „Was wir suchen, ist alles“ zieht daher durchaus eine Art Bilanz zweier Romantikjahre, gestattet aber auch einen Ausblick.

          Hückstädt genießt es darüber hinaus, das sonst aus gutem Grund dem einzelnen Schriftsteller verpflichtete Literaturhaus einmal sieben Tage lang im Zeichen einer einzigen Idee zu sehen. Und ist ein wenig stolz darauf, dass die Gästeliste Namen aufweist, die noch nie am Literaturhaus aufgetreten sind: „Was bei diesem Haus gar nicht so leicht ist.“ Hier wollen eben viele lesen, auch wenn das wiederaufgebaute Gebäude der Alten Stadtbibliothek keine Panoramafenster hat, sondern sich auf den Blick verlässt, den Schriftsteller in die Vergangenheit werfen. Aber Bücher waren schon immer die besten Fenster.

          Das Festival: Die wichtigsten Termine

          Eröffnet wird das Festival „Was wir suchen, ist alles“ heute (Samstag, 31. Mai 2014) von 18.30 Uhr an mit einem Vortrag von Wim Wenders.

          Der Sonntag (1. Juni) steht von 15 Uhr an unter dem Titel „Der begehbare Roman“ und ist gedacht als der Tag, der den Verfahren der Romantik am nächsten kommt - kurze, unterschiedliche Programmpunkte.

          Am Montag (2. Juni) sind Ulrich Holbein (19 Uhr) sowie Michaela Melián und Monika Rinck (20.30 Uhr) zu Gast, am 3. Juni stellt Ursula Krechel Karoline von Günderrode vor (19 Uhr), am 4. Juni widmet Wolfgang Büscher sich Eichendorff (19 Uhr).

          Am 5. Juni diskutiert Edgar Reitz mit Sasa Stanisić darüber, wie man Heimat beschreibt. Unter www.literaturhaus-frankfurt.de sind für alle Termine bis auf die Flussfahrt, mit der das Festival am 6. Juni endet, noch Karten erhältlich.

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