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Rock : Erbaulicher Blues-Workshop und ein Kontrastprogramm

  • -Aktualisiert am

Mit 70 noch dynamisch: Buddy Guy Bild: F.A.Z. / Foto Michael Kretzer

Selten sorgte im Vorfeld ein Gastspiel für mehr Tohuwabohu, als das gemischte Doppel von Buddy Guy und Jeff Beck. Mit fast 70 bis Guy noch immer mit Herz und Seele bei der Sache, wie eine zehnminütige „Publikumsbegehung“ illustrierte.

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          Selten sorgte im Vorfeld ein Gastspiel für mehr Tohuwabohu, als das gemischte Doppel von Buddy Guy und Jeff Beck. Zunächst für den 26. Juli im Kulturzentrum in Mainz geplant, wurde das Gipfeltreffen zweier Blues-Generationen etwa zehn Tage vordatiert, um dann in allerletzter Minute auch noch in die größere Phönixhalle verlegt zu werden. Aber damit nicht genug. Wurde doch in einschlägigen Ankündigungen ein handfestes musikalisches Sparring der beiden Legenden prophezeit. Am Ende kam alles ganz anders.

          Zum Auftakt seines anderthalbstündigen Solo-Sets verkündete Buddy Guy lapidar „I'm Going Down“ - und der schon von zahllosen Musikern interpretierte Blues-Rock-Klassiker sollte einer der wenigen Songs bleiben, die der in wenigen Wochen 70 Jahre alte Chicago-Blues-Veteran komplett bis zum Ende durchspielte. Begleitet von einem versierten Quartett, geriet Guys von zahllosen Anekdoten und Zwiegesprächen mit dem Auditorium gespickter Auftritt zum erbaulichen Blues-Workshop.

          1965 erstmals in Europa auf Tour

          Zu erzählen hatte der quirlige Afroamerikaner im dekorativen Tupfenhemd einiges aus seinem bewegten Leben: Von den Anfängen im provinziellen Lettsworth, Louisiana, über den Wechsel ins urbane Chicago bis hin zur allerersten Europatournee, die ihn 1965 im Rahmen des American Folk & Blues Festival auch nach Deutschland brachte. Das war ein von den deutschen Impresarios Horst Lippman und Fritz Rau in jener Zeit alljährlich liebevoll geschnürtes Paket mit damals hierzulande unbekannten Kultgrößen wie John Lee Hooker, Big Mama Thornton und Junior Wells.

          Buddy Guy, der in den späten fünfziger Jahren schon typische Manierismen späterer Showbranchenriesen wie Beatles, Rolling Stones und Jimi Hendrix vorwegnahm, kann aber auch famos Künstlerkollegen parodieren. Der gutgelaunte Guy machte sich einen Spaß daraus, Pioniere wie B.B. King, Albert King, John Lee Hooker, aber auch Hendrix und einen seiner größten Fans überhaupt, Eric Clapton, detailgetreu zu imitieren.

          In der „Rock'n'Roll Hall Of Fame“

          Erst im vergangenen Jahr wurde der ehemals begehrte Studiosessionmusiker in die renommierte „Rock'n'Roll Hall Of Fame“ aufgenommen - eine halbe Ewigkeit für einen so hart arbeitenden Blues-Apostel, der auch im Rentenalter nicht müde wird, das Evangelium zu verkünden. Der noch immer mit Herz und Seele bei der Sache ist, wie eine zehnminütige „Publikumsbegehung“ eindrucksvoll illustrierte. Seine cremefarbene Fender Stratocaster wie ein Berserker malträtierend, schritt Buddy Guy flächendeckend das Halleninnere bis zur am anderen Ende des Saals befindlichen Tribüne ab. Feuerte eine Gitarren-Salve nach der anderen, bis die begeisterten Fans unter den übersteuerten Rückkopplungs-Splittern köpfesenkend in Deckung gingen.

          Ein regelrechtes Kontrastprogramm bot nach kurzer Umbaupause Jeff Beck. Angereist mit einem Trio aus jungen Jazz-Virtuosen, erinnerte der 62 Jahre alte Engländer zum Einstieg mit „Beck's Bolero“ nur kurz und knapp an die goldene Ära der Swinging Sixties. Übergangslos stieg der im Vergleich zu Kollegen seines Jahrgangs optisch erstaunlich jugendlich gebliebene Gitarrist hernach in musikalische Tiefen, in die ihm nur ein Teil seiner Fans folgen mochte. Beck, der 1965 Eric Clapton bei The Yardbirds ersetzte und 18 Monate später mit Rod Stewart sowie dem künftigen Rolling Stone Ron Wood eine eigene Formation ins Leben rief, widmete sich seither mit wechselnden Begleitern diversen Genres: Zwischen intensiven Ausflügen in Rock'n'Roll, Blues, Metal und auch Techno bevorzugte er seit den siebziger Jahren eindeutig die instrumentalen Jazz-Rock-Fusionen seiner preisgekrönten Alben „Blow By Blow“ und „Wired“.

          Balladeskes in Zeitlupentempo

          Und so wurde recht kurzweilig auf vertrackten 7/8-Rhythmen improvisiert, brummten Verstärker unter hohen Dezibelwerten, ächzte die Draht-Bespannung der Fender Stratocaster unter maximaler Dehnung. Mal mit, mal ohne Bottleneck bot der fingerflinke Sechssaiten-Magier aus der britischen Grafschaft Surrey atemberaubende Notenfolgen im Akkord. Als Verschnaufpause diente traumhaft Balladeskes in Zeitlupentempo wie Judy Garlands Evergreen „Somewhere Over The Rainbow“ oder Curtis Mayfields „People Get Ready“, das im Unterschied zur Tonkonserve auf Rod Stewarts rauhes Krächzen verzichten mußte. Auf rockende Lorbeeren der weitreichenden Beckschen Vergangenheit oder gar ein grandioses Finale mit einem nahtlosen Schulterschluß der angloamerikanischen Blues-Brüderschaft warteten die geduldig ausharrenden, zum Teil von weit her angereisten Fans indes vergebens.

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