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Robert Levin : Musikdetektiv auf Mozarts Spuren

Robert Levin, Mozart-Ergänzer, verbindet die Akribie des Wissenschaftlers ... Bild: Wonge Bergmann

Mit seinen Ergänzungen von Mozarts Requiem und der c-Moll-Messe hat Robert Levin auf der ganzen Welt Furore gemacht. Nun ist er beim Bachfest Aschaffenburg zu Gast.

          3 Min.

          Vor einem Jahr ist seine vervollständigte Fassung von Mozarts großer c-Moll-Messe in der New Yorker Carnegie Hall unter der Leitung von Helmuth Rilling uraufgeführt worden. Seitdem sorgt Robert Levins Ergänzung auf der ganzen Welt für Furore: Die Verkaufszahlen für den Klavierauszug seiner Version seien „schwindelerregend“, vor allem Chöre hätten Interesse daran, freut sich Robert Levin. Die Nachfrage sei wesentlich stärker als beim Mozart-Requiem, das er ebenfalls mit großem Erfolg neu ergänzt hat. Der an der Havard University lehrende Musikwissenschaftler und Pianist hat es geschafft, die gewaltigen Torsi so zu komplettieren, daß sie als authentisch empfunden werden.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer mit Levin spricht, der derzeit beim 81. Bachfest der Neuen Bachgesellschaft in Aschaffenburg als Pianist Meisterkurse gibt, gewinnt schnell den Eindruck, daß er über alle Voraussetzungen für solche Unternehmen verfügt: genaue Werk- und Stilkenntnisse, die Ausdauer eines wissenschaftlichen Arbeiters, kompositorisches Können und die praktische Erfahrung des Interpreten und Improvisators.

          Levin ergänzte die „Amen“-Fuge im „Lacrimosa“

          Werkkenntnisse hat sich Levin schon als Kind angeeignet. Im Alter von 13 Jahren habe er seine Eltern etwa überredet, die neue Bach-Gesamtausgabe in Subskription zu bestellen, erinnert sich der 1947 in New York geborene Musiker. Gefördert worden sei er vor allem von seinem musikalischen Onkel. Dieser hatte bei ihm in jüngsten Jahren das absolute Gehör festgestellt und für die weitere Ausbildung gesorgt. So kam er als Jugendlicher zum Privatunterricht bei der legendären, 1887 geborenen Musikpädagogin, Komponistin und Dirigentin Nadia Boulanger. Neben dieser französischen habe ihn die Wiener Tradition „zutiefst geprägt“. Dirigierstudien betrieb er bei dem Österreicher Hans Swarowsky, der ihn unter anderem auf die Mozart-Einspielungen des Pianisten Friedrich Gulda aufmerksam machte und so sein Interesse am Improvisieren weckte, wie es in Konzert-Solokadenzen zu Mozarts Zeit üblich war.

          ... mit der Begeisterung des Musikers
          ... mit der Begeisterung des Musikers : Bild: Wonge Bergmann

          Schon mit 19 Jahren sah er sich 1966 als Student vor die Aufgabe gestellt, für eine Aufführung des Mozart-Requiems die „Amen“-Fuge im „Lacrimosa“ zu ergänzen. Das gelang ihm mit so großem Erfolg, daß er sich in jugendlichem Überschwang damit und mit weiteren vervollständigten Mozart-Werken an den Bärenreiter-Verlag wandte. Das Unglaubliche geschah: Seine Noten erschienen. Levin wurde von da an mit Aufträgen „überrumpelt“.

          Sein „Schicksalsjahr“ kam 1987, als er noch als Professor für Klavier an der Musikhochschule in Freiburg lehrte. Für die Internationale Bachakademie in Stuttgart hielt er einen Vortrag über die vielen Ergänzungsversuche des Mozart-Requiems und spielte dazu auch seine „Amen“-Fuge am Klavier vor. Applaus brandete auf - und Helmuth Rilling, Leiter der Bachakademie, habe ihn danach angeregt, das Requiem, das Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr nach dem Tod des Lehrers in Teilen ausführte, nach seiner Art neu zu ergänzen. Levin bekam dafür einen regulären Kompositionsauftrag. Bei der Uraufführung 1991 erhob sich das Publikum, um seine Fassung zu feiern. Inzwischen gibt es acht Einspielungen der Levin-Version.

          Neuer Stellenwert in der Musikgeschichte

          Das Sakralwerk Mozarts, das von der Bedeutung her dem Requiem am nächsten steht, ist die unvollendet gebliebene c-Moll-Messe KV 427. Sie mußte also irgendwann auch in den Fokus Levins rücken. Der Auftrag für die Komplettierung dieses Torsos kam von einer mit der New Yorker Carnegie Hall verbundenen Stiftung, nicht von der Bachakademie, wie oft tradiert werde, stellt Levin klar. Fertig sein sollte die Arbeit bis 2005, bewußt ein Jahr vor dem Mozart-Jubiläum.

          Levin ging systematisch vor, wobei es auch hier galt, eine Fülle früherer Versuche anderer Ergänzer zu kennen. Zunächst ging es ihm um die formale Gliederung der Oratorienmesse, die den lateinischen Meßtext in viele Unterabschnitte einteilt und von der nur Kyrie und Gloria wirklich komplett vorliegen. Zum Credo etwa, das bis zum Abschnitt „Et incarnatus est“ als Partiturentwurf vorliegt, fehlten fünf Sätze, war sich Levin sicher. Das könne man anhand früherer Kompositionen von Mozart und seinen Zeitgenossen belegen. „Klare Sache“ war für ihn deshalb und auch von der Motivik her, daß zu Beginn des Credo Pauken und Trompeten zum Einsatz kommen müssen.

          Vor allem durchsuchte Levin so gründlich wie wohl niemand zuvor alle Skizzen Mozarts aus den Jahren 1781 bis 1785. Dazu diente ihm eine neue Faksimile-Edition, eine Fülle von Material. Denn Mozart habe etwa ein Drittel seiner Kompositionen aus den Wiener Jahren nicht vollendet. Levin entdeckte insgesamt acht Seiten, die für ihn interessant waren. Besonders eindeutig war eine Skizze für das „Dona nobis pacem“. Unter den Handschriften des Fragments „L'Oca del Cairo“ fand er außerdem etwa den Anlauf für eine achtstimmige Doppelfuge in d-Moll, ohne Text, aber eindeutig Vokalmusik. Zu der komischen Oper wollte die so gar nicht passen, um so besser aber zum Text des „Cruxifixus“. Levin arbeitete den Entwurf mit einiger Drastik aus, um das Leiden Christi am Kreuze zu verdeutlichen, wie es Mozart wohl auch getan hätte. Etwas, das Mozart nachweislich tat, machte Levin ihm nach: Der Komponist verwendete Teile seiner c-Moll-Messe später in „Davidde penitente“, Levin arbeitete wiederum Teile dieses Oratoriums für die Messe um. Entstanden ist so ein Werk, dem in der Musikgeschichte ein neuer Stellenwert zukommt: als Zwischenstück zwischen Bachs h-Moll-Messe und Beethovens Missa solemnis.

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