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Literaturm 2022 : Risse in alten Gewissheiten

„Risse“ lautet das Motto des Festivals „Literaturm“ Bild: Getty/Bearbeitung F.A.S.

„Risse“ lautet das Motto des Festivals „Literaturm“, das in Frankfurt am 27. Juni eröffnet wird. Es gibt viel zu besprechen.

          2 Min.

          Die leibliche Gesundheit, die europäische Friedensordnung – Gegebenheiten, scheinbar unumstößlich, Gewissheiten, lange gehegt. Jetzt kann man sich mit ihnen die Schublade auslegen wie mit altem Zeitungspapier. Da dachte die von Wohlstand und Frieden verwöhnte Bundesrepublik noch, nach dem Ende des Pandemiewinters werde die getragene oder nicht getragene Gesichtsmaske das große Zoffthema des Sommers sein, da sammelte Putin auch schon seine Truppen an der ukrainischen Grenze. Und setzte sie ein.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Alles nicht mehr so wie vorher. „Risse“ sind daher das Thema des Festivals „Literaturm“, das die Stadt Frankfurt alle zwei Jahre veranstaltet. Risse im Gewohnten, im Stabilen, im Verlässlichen. Davon wissen auch die Organisatoren des Festivals im Kulturamt etwas. Im Frühjahr 2020 musste „Literaturm“ kurz vor der Eröffnung abgesagt werden, weil Stadt und Region wie der Rest Deutschlands die Schotten dicht machten und in den Lockdown abtauchten.

          Zum ersten Mal seit vier Jahren also wird wieder in den oberen Stockwerken der Frankfurter Hochhäuser gelesen, mit Ausblick weit hinaus, an Orten, die sonst für Besucher nicht zugänglich sind, mit wechselnden, aufregenden Perspektiven auf das Gewebe von Metropole und Umland. Und in diesem Jahr gleichsam auch etwas Überblickstrost für das Gefühl verloren gegangener Übersicht.

          Osteuropäische Stimmen im Fokus

          Viele Stimmen zu Osteuropa, rund um den russischen Angriff auf das Nachbarland – sie bilden das Zentrum des Programms. Eröffnet wird das Festival am 27. Juni um 20 Uhr in der Volksbühne am Großen Hirschgraben mit einer Diskussion über den Krieg, an dem die aus der Ukraine stammende Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk, ihr russischer Kollege Viktor Jerofejew, der Historiker Gerd Koenen und die in London lehrende Politikwissenschaftlerin Lea Ypi teilnehmen.

          Bis zum 3. Juli gibt es abends Lesungen um 18, 19.30 und 20 Uhr, sodass man Termine miteinander kombinieren und sich schon innerhalb eines einzigen Tages etwas Festivalgefühl verschaffen kann. Das sich natürlich noch steigern lässt, wenn man an zwei oder mehreren Tagen im Opernturm oder in einem der anderen Wolkenkratzer vorbeischaut.

          Viktor Jerofejew berichtet am 30. Juni von 20 Uhr an von der Arbeit an seinem Putin-Roman „Der große Gopnik“, am 1. Juli von 18 Uhr an denken Karl Schlögel, Gerd Koenen und Wolfgang Bücher unter dem Titel „Berlin-Moskau lesen“ über den „deutschen Russland-Komplex“ nach. Es geht um „Belarus, ein Land in Putins Klauen“ (2. Juli, 18 Uhr) und mit Andrej Kurkow um „Schreiben gegen den Krieg“ (2. Juli, 20 Uhr). Gesprochen wird aber auch über Frauen in Afghanistan (29. Juni, 18 Uhr), reaktionäres Denken (30. Juni, 18 Uhr), Heidegger (30. Juni, 20 Uhr, mit Peter Sloterdijk) und Ostdeutschland (2. Juli, 18 Uhr). Am 3. Juli liest Jörg Isermeyer im Kinderprogramm von 11 Uhr an aus „Dachs und Rakete – Ab in die Stadt!“, von 16 Uhr an Gerda Raidt aus „Limonade im Kirschbaum“. Im ersten geht es um einen Räumungsbefehl, im zweiten um überfürsorgliche Eltern. Fast rissefrei.

          „Literaturm“, 27. Juni bis 3. Juli, diverse Veranstaltungsorte in Frankfurt und der Region, Karten und weitere Informationen gibt es hier.

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