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Katalanische Literatur : Mann mit ganz eigenem Kopf

Vom Hassen zum Schreiben: Quim Monzó Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Katalanischer Fußballfan, Satiriker und Moralist: Quim Monzó gehört zu den Schriftstellern, denen das Attribut „meinungsfreudig“ steht. Der Literat spricht am Dienstag zur Eröffnung der Buchmesse.

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          Mit Quim Monzó zu sprechen, ähnelt dem Versuch, ein explodierendes Feuerwerk mit Händen zu greifen. Kaum hat man die eine unernste Antwort des Schriftstellers niedergekritzelt, schlägt er schon die nächste spielerische Gedankenvolte. Am Dienstag spricht der 1952 in Barcelona geborene Monzó nach der Frankfurter Oberbürgermeisterin, dem Bundesminister der Finanzen und dem katalanischen Ministerpräsidenten auf der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse. Sein überschäumendes Temperament dürfte er zu diesem Anlass zügeln, seine pointierte Meinungsfreudigkeit kaum.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Einladung der katalanischen Kultur zum Gastlandauftritt der Messe hat unter den verschiedensprachigen Mitgliedern des gesamtspanischen Kulturbetriebs schließlich einigen Streit ausgelöst. Mit den Ärgernissen, die sich aus dem Gegensatz zwischen dem katalanischen Streben nach einer immer weiter reichenden Autonomie und dem spanischen Zentralstaat ergeben, hat Monzó sich in seinen journalistischen Texten jedoch schon häufig befasst. Er will zwar nicht verraten, was er auf dem Messegelände sagen wird, aber es wäre verwunderlich, würde er zu diesem Thema nicht das eine oder andere Wort verlieren.

          Anhänger des F.C. Barçelona

          Dabei ist Monzó jeglicher spanische oder katalanische Nationalismus fremd – außer im Fußball, der Barça-Anhänger hat für Real Madrid wenig übrig. Für Monzó ist Katalanisch ganz einfach die Muttersprache und Spanisch die Vatersprache. Seine Erzählungen schreibt er auf Katalanisch, weil es, wie er sagt, keinen Sinn gehabt hätte, die Welt, die ihn umgab, die er beschreiben und entwerfen wollte, auf Spanisch darzustellen. Er hat eben seinen eigenen Kopf. Angefangen hat er als junger Mann mit einem Tagebuch, in das er seinen Hass auf Eltern, Heimat und die übrige Welt versenkte: „Heute hätte ich vielleicht ein Weblog und würde es der Menschheit erzählen.“

          Als er aufhörte, zu hassen, machte er mit dem Schreiben einfach weiter. Als Kriegsreporter hat er in den ersten Jahren nach Francos Tod für ein in Katalonien damals einflussreiches anarchistisches Magazin aus Vietnam, Kambodscha und Nordirland berichtet: „Ihre Situation war unsere.“ Im boomenden Barcelona der achtziger und neunziger Jahre war er später als Songwriter, Übersetzer und Comiczeichner, als Grafikdesigner, Drehbuchautor und Radiokommentator tätig.

          Bestseller „Guadalajara“

          Seit 1976 veröffentlicht er Erzählungen. Heute zählt er zu den erfolgreichsten katalanischen Autoren. „Guadalajara“ verkaufte sich 1996 so gut, dass der katalanische Titel sogar auf der gesamtspanischen Bestsellerliste auftauchte. Zu Frankfurt hat Monzó nicht erst seit der Einladung der Katalanen zur Buchmesse Beziehungen. Auf Deutsch erscheinen seine Bücher schon seit 1995 bei Joachim Unselds Frankfurter Verlagsanstalt.

          Zum Messeauftakt ist seinem deutschen Verlag ein besonderes Kunststück gelungen. Unter dem Titel „100 Geschichten“ liegen seit September zum ersten Mal alle Erzählungen Monzós gesammelt in einem Band vor. Versehen mit einer Umschlagzeichnung von Jonathan Meese, leben seine Texte auch in Monika Lübckes vorzüglicher Übersetzung von der Zuspitzung oder Verkehrung einer Grundidee. So stellt Monzó in der Erzählung „Gregor“ kurzerhand Kafkas „Verwandlung“ vom Kopf auf die Füße und schreibt die Geschichte eines Käfers, der sich in einen Jungen verwandelt.

          Plötzlich war ihm der Gedanke gekommen, es könne vielleicht auch Käfer geben, die zu Menschen würden. Gedacht, geschrieben. An verunsichernder Wirkung können es die acht Seiten seiner Erzählung mit Kafka durchaus aufnehmen, denn Monzó ist nicht nur Satiriker, sondern auch Moralist und verrät seinen Lesern einiges über das Wesen des Menschen. Sein nächstes Buch erscheint im November. „Wenn man Kurzgeschichten schreibt, schreibt man immer“, sagt Monzó. „Bis man plötzlich merkt, dass man ein neues Buch hat.“

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