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Soul-Sänger Nick Waterhouse : Die Suche nach der verlorenen Zeit

Mann mit Seele: Nick Waterhouse, hier bei einem Konzert im Frankfurter Club Zoom, hat ein neues Album veröffentlicht. Bild: Marcus Kaufhold

„Promenade Blue“, das neue Album des amerikanischen Soul-Sängers und Gitarristen Nick Waterhouse, beschäftigt sich mit einem universalen Gemütszustand

          3 Min.

          Bei einem abendlichen Spaziergang durch die Frankfurter Innenstadt kommt man vielleicht auch durch die menschenleere Brönnerstraße und dabei ins Sinnieren. Warteten früher vor dem Gebäude mit der Hausnummer 5–9 nicht häufig mal große, mal weniger große Menschentrauben, um in einen Club im ersten Stock gelassen zu werden, wo sie ein Konzert besuchen oder zu den Tracks eines DJs tanzen wollten? Nun ist früher noch gar nicht so lange her: Seit März vergangenen Jahres ist der Club mit dem legendären Namen Zoom geschlossen, und wann er wieder öffnet und ob es dort jemals wieder so sein wird wie vor der Pandemie, weiß niemand, und schon gar nicht der Melancholiker, der sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben hat.

          Christian Riethmüller
          (cfr.), Rhein-Main-Zeitung

          Der amerikanische Musiker Nick Waterhouse hat eine solche Suche im Gefühlszustand des „Blue“ schon hinter sich gebracht. Die galt allerdings nicht dem Zoom, obwohl er zu dem Frankfurter Club eine durchaus besondere Verbindung hat, war er doch der erste Musiker, der dort nach der Wiedereröffnung des viele Jahre unter dem Namen Sinkkasten bekannten Musiklokals Anfang März 2012 auftrat. Das hatte mit einer anderen Frankfurt-Verbindung des Musikers zu tun. Der hiesige Konzertveranstalter Wizard Promotions organisiert bis heute die Waterhouse-Tourneen und würde dies auch gern im September dieses Jahres tun, doch ist die tatsächliche Durchführung der Konzertreise der Pandemie wegen noch ungewiss.

          Persönliche Sucher nach der Vergagenheit

          Gewiss ist hingegen das vor wenigen Tagen veröffentlichte Waterhouse-Album „Promenade Blue“ (erschienen auf dem Label Innovative Leisure), auf dem der 35 Jahre alte Sänger, Gitarrist und Produzent in zehn Songs und einem Instrumental eine persönliche Suche nach der Vergangenheit reflektiert, die gleichwohl universalen Charakter hat. Waterhouse, der aus Südkalifornien stammt, hat sich dafür in den Norden des Bundesstaats begeben, nach San Francisco, die Stadt, in der er studierte und, noch entscheidender, musikalisch geprägt wurde, nicht zuletzt durch seinen Job in einem ausschließlich auf Vinyl spezialisierten Plattenladen.

          „Dieses mir vertraute San Francisco gibt es aber nicht mehr“, erzählt Waterhouse im Videogespräch: „Orte sind verschwunden, die meisten Menschen, die ich dort kannte, auch. Ich musste an Christopher Isherwoods Buch ,Leb wohl, Berlin‘ und dessen Atmosphäre denken und empfand ein sehr ähnliches Gefühl.“ Mit dem Song „Place Names“, der ersten Single des Albums, ist Waterhouse ein musikalisches Äquivalent gelungen. Sein Spaziergang durch die Straßen einer Stadt, in der nurmehr Ortsnamen für Vertrautheit, Erinnerungen und ein Gefühl der Zugehörigkeit sorgen, kann stellvertretend für das Besinnen jedes Hörers stehen.

          Falsche Zuschreibung Retro-Soul

          Der Versuchung, den Hörer auch gleich noch musikalisch in die Vergangenheit reisen zu lassen, hat Waterhouse widerstanden, wenngleich sich auch das mittlerweile fünfte Studioalbum deutlich am Rhythm & Blues sowie am Soul der frühen bis mittleren sechziger Jahre ausrichtet. Doch den Vintage-Mantel zieht er sich nicht an, und die falsche Zuschreibung Retro-Soul ärgert ihn: „Ich imitiere ja nicht gewisse Sounds oder versuche, exakt wie ein bestimmter Künstler aus jener Zeit zu klingen.“ Wie zum Beweis hat er die Songs des neuen Albums in Memphis aufgenommen, „ohne aber einen Memphis-Sound einfangen zu wollen“, wie er mit einem Augenzwinkern erzählt.

          Er und Produzent Paul Butler, der auch mit Michael Kiwanuka und Devendra Banhart arbeitet, haben sich nämlich eher an Nashville orientiert, was nicht nur mit dem Aufnahmestudio zu tun hatte, das quasi ein Klon des berühmten RCA Studios B in Nashville ist, sondern auch mit der musikalischen Kost zur Vorbereitung auf die eine Woche dauernden Aufnahmesessions. „Wir haben Charlie Rich gehört und von Blues beeinflusste Country-Sachen. So einen Flow wollten wir, allerdings ohne den Country & Western-Shuffle“, verweist Waterhouse auf seine Einflüsse, die nicht zuletzt durch den erstmaligen Einsatz eines männlichen Background-Chores unterstrichen werden. Die Bassstimmen der Sensational Barnes Brothers knüpfen für Waterhouse ein Band zum Country-Soul, derweil die Streicherarrangements an Roy-Orbison-Produktionen denken lassen.

          Die Streicherparts hat Waterhouse in Los Angeles aufnehmen lassen, wo er lebt. „Mit den Aufnahmen in Memphis waren wir gerade noch fertig geworden, bevor die Pandemie in Amerika mit aller Wucht ausbrach. Auch die Streicher waren aufgenommen, doch das Abmischen geriet dann zu einem richtigen Abenteuer. Weil alle Studios geschlossen waren, bauten Paul Butler und ich in einem verlassenen alten Studio im Topanga Canyon einen Behelf auf. Sogar eine Bandmaschine haben wir uns dafür extra noch gekauft“, erzählt Waterhouse, der sich seit jeher für Studiotechnik interessiert und das vergangene Jahr auch dazu genutzt hat, sich ein mobiles Studio aufzubauen. „Das soll in den Kofferraum meines Autos passen, damit wir überall aufnehmen können.“ Ausprobiert hat er es schon, und angesichts der unsicheren Aussichten, bald wieder live auftreten zu können, denkt Waterhouse daran, gleich noch ein Album aufzunehmen: „Eine Tour habe ich mittlerweile zum sechsten Mal verschoben, und einige Songs habe ich ja übrig. Vielleicht bilden die den Kern eines neuen Albums oder aber einer Compilation. Da wird es nach fünf Studioalben ja auch mal Zeit“, sagt er.

          Ob er allerdings seine Songs wieder für Remixes zur Verfügung stellt, weiß er noch nicht. Die Version des französischen House-Projekts Ofenbach seines Songs „Katchi“ bescherte ihm zwar einen großen Hit und fand sogar in der Autowerbung Verwendung, doch neue Fans habe er damit nicht gewonnen, meint er: „Es hat mir ein besseres Standing im Musikgeschäft verschafft und auch das Geld eingebracht, mit einer großen Band aufnehmen und touren zu können, doch meine Fans dürfte das eher erschreckt haben.“

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