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Produzent Oliver Rüger : Kickers, Indie-Rock und Zigaretten

  • -Aktualisiert am

Der Musiker und Komponist Oliver Rüger in seinem Tonstudio in Offenbach Bieber im August 2009 (Archivbild) Bild: Wonge

Der Gitarrist und Produzent Oliver Rüger betreibt das legendäre Tonstudio Bieber in Offenbach. Wegen der Corona-Krise arbeitet er jeweils nur mit einer weiteren Person – und das bei Tag und bei Nacht.

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          Einst hieß es in einem populären Werbespot: „Drei Dinge braucht der Mann: Feuer – Pfeife – Stanwell.“ Auch Oliver Rüger, Gitarrist, Produzent und Eigner des legendären Tonstudios Bieber in Offenbach, in dem schon Frank Farian Welthits für Boney M. produzierte, lässt sich in drei signifikanten Schlagworten charakterisieren: Indie-Rock – Offenbacher Kickers – Zigaretten. Am Arbeitsplatz des passionierten Rauchers quellen Aschenbecher schon mal über. Derzeit werkelt der Tausendsassa in seinem an der Aschaffenburger Straße im Offenbacher Stadtteil Bieber beheimateten Studio, wegen der Corona-Krise allerdings jeweils nur mit einer weiteren Person, meist einem Mitglied einer Indiepop-Band. Selbstverständlich hallen auch Rock, Blues, Folk oder Jazz durch die Räumlichkeiten – und zwar bei Tag und bei Nacht. Wissen doch weder der treue Kickers-Fan noch seine Kundschaft, wann die Musen gerade ein Kreativhoch gewähren. Allzu viele Studios gibt es im Zeitalter des digitalen Do-it-yourself-at-home-Ethos ja ohnehin nicht mehr.

          Prinzipiell sind im Tonstudio Bieber Aufnahmen rund um die Uhr möglich. Gleich, wie sich eine Session auch entwickeln mag – Oliver Rüger bleibt stets Herr der Lage wie geistiger Führer. Sind die Aufnahmen erst einmal getätigt, beginnt die wesentliche Arbeit in der durch dickes Glas vom Aufnahmeraum getrennten Kommandozentrale: Mit peniblem Detail erfolgt das Mischen der diversen Tonspuren – so eine Post-Produktion kann sich hinziehen.

          In seine Berufung wuchs Oliver Rüger ganz natürlich hinein. Nicht erst als er mit seiner Indie-Rock-Formation Seesaw Ende der neunziger Jahre durchstartete, um den ganz normalen Wahnsinn in den Mühlen der Musikindustrie (Tourneen, TV-Auftritte, neue Produktion, Rock am Ring etc.) zu durchleben, fing er an, erst eigene, dann auch die Demos befreundeter Musikerkollegen aufzunehmen. Reichte anfangs noch eine Acht-Spur-Bandmaschine im Probenraum, ist daraus längst eine umfangreiche Aufnahmemaschinerie aus analoger Vintage-Gerätschaft und digitaler Technik geworden. Um einerseits den Idealismus finanziell weiter zu unterfüttern, andererseits aber auch nicht jeden Studiojob annehmen zu müssen, arbeitet Oliver Rüger seit geraumer Zeit wieder auf einer Vierzig-Prozent-Stelle als Notfallsanitäter in einem Rettungswagen.

          Arbeiten mit Max Mutzke und Uwe Ochsenknecht

          Der Band Seesaw folgte seinerzeit das Projekt The Dalles. Parallel entstand eine Kooperation mit Michael Kersting, Produzent, Manager sowie Mentor von Popsänger Sasha. Es kam, wie es kommen musste: Von 2005 bis 2012 gehörte Oliver Rüger als Gitarrist, Produzent und Songwriter zum Sasha-Team – inklusive diverser Tourneen und zweier Studioalben. Es entstanden Arbeiten mit Max Mutzke und Uwe Ochsenknecht. Im Fokus behält Oliver Rüger stets sowohl die nationale und internationale Independent-Szene als auch das lokale Umfeld. In den vergangenen Tagen und Wochen tummelten sich im Tonstudio Bieber etwa der amerikanische Folk-Country-Punk-Singer-Songwriter Austin Lucas und die Indie-Rock-Formation Who’s Mary aus Langen.

          Die Berliner Britpop-Band Pictures um Sänger Maze Exler, ehemals unter dem Namen Union Youth am Start, nahm einen Song für ein Selig-Tribute-Album auf. Aren Emirze, ehemals Frontmann der auch international geschätzten Frankfurter Noise-Rock-Formation Harmful, spielte just das Material für ein neues Album seines Folk-Projekts Emirsian ein. Als Gast mit dabei: Serj Tankian, Sänger und Keyboarder der armenisch-amerikanischen Alternative-Metal-Band System Of A Down. Demnächst waren Aufnahmen mit der legendären Frankfurter Frauenband The Slags geplant, doch muss da die Entwicklung der Corona-Krise abgewartet werden.

          Um selbst als Musiker am Ball zu bleiben, hebt Oliver Rüger entweder eigene Projekte aus der Taufe oder aber beteiligt sich an Bands: So entstanden vor geraumer Zeit Lick Lick Science, zudem mischt er nach wie vor bei The Jim Dandies aus Bad Homburg mit. Zuletzt gründete er das Ensemble The Black Me mit Sängerin Coco Hecht. Längst kommen für Oliver Rüger auch noch Aufgaben als Dozent, Coach und Gitarrenlehrer hinzu. Als Fazit wie Ausblick seiner umfangreichen Tätigkeit gibt er zu Protokoll: „Ich hoffe, dass ich noch viele Jahre meinen Beruf ausüben kann. Es fasziniert mich nach wie vor, am Anfang ein leeres weißes Blatt vor mir zu haben, um dann Ideen zu entwickeln und von da an eine Kreativreise mit den Musikern anzutreten. Und vier Wochen später stellen wir ein tolles Album fertig.“

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