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Porträt : Zuneigung zu Rilke schon vor dem eigenen Erfolg entdeckt

Der weibliche Kopf des Rilke-Projekts: Angelica Fleer Bild:

Ob sie Rilke mag? Angelica Fleer muß kurz lächeln, wiegt den Kopf und sagt dann mit einem Nicken: „Ich liebe Rilke mittlerweile.“ Warum auch nicht: Denn mit dem Dichter verbindet sich der Erfolg. Aber nicht nur dieser.

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          Ob sie Rilke mag? Angelica Fleer muß kurz lächeln, wiegt den Kopf und sagt dann mit einem Nicken: „Ich liebe Rilke mittlerweile.“ Warum auch nicht: Denn mit dem Dichter verbindet sich der Erfolg, den die Frankfurter Komponistin und Keyboarderin und ihr Ehemann Richard Schönherz haben. Gemeinsam haben sie das „Rilke-Projekt“ erdacht und verwirklicht, bei dem Schaupieler Gedichte und andere Texte zu Kompositionen aus der Feder von Fleer und Schönherz lesen.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Drei Alben sind seit 2001 daraus entstanden, für die das Künstlerpaar unter anderem Mario Adorf, Ben Becker, Iris Berben, Christiane Paul, Otto Sander und Sir Peter Ustinov sowie die Sänger Klaus Meine („Scorpions“) und Xavier Naidoo gewinnen konnten. Auch die Trompete Till Brönners ist bei einigen Stücken zu hören. In diesen Wochen ist das Rilke-Projekt erstmals auf Tournee - und ausgezeichnet worden: Am 17. November wurde den Produzenten im Münchener Prinzregententheater der internationale Buchpreis „Corine 2004“ in der Kategorie Hörbuch verliehen.

          „Eine Tiefe und Wahrheit, die ich so nicht ausdrücken könnte“

          Rilke ist für Angelica Fleer aber mehr als ein indirekter Brötchengeber. Logischerweise hat sie sich mit seinen Text befaßt, bevor sich die Platten gut verkauft haben: „Ich glaube nicht, daß es ein Projekt ist, das man mit dem Kopf machen kann“, meint sie. Vielmehr hat Rainer Maria Rilke aus ihrer Sicht eine bildhafte, ja musikalische Sprache, die die Komponistin inspiriert. Und: „Viele seiner Texte haben eine Tiefe und Wahrheit, die ich so nicht ausdrücken könnte.“ Einige Zitate fallen ihr dazu spontan ein. „Du mußt das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wir ein Fest“, etwa, geschrieben 1898 in Berlin. Oder: „In meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit“, ein Gedicht, das der Sänger Laith Al-Deen für ihr Projekt interpretiert hat.

          Nun ist es nicht so, als ob Rilke die Musikerin schon ihr halbes Leben lang begleitet. „Ich habe ihn zwar mal in der Schule durchgenommen, aber...“, sagte sie, ohne den Satz zu beenden. Erst 1997 trat er in ihr Leben: in Form einer ins Englischen übersetzten Textzeile, die am Instrument von Richard Schönherz klebte, der seinerzeit noch nicht ihr Partner war und in Kalifornien lebte. Beim Musikmachen fiel ihnen das Zitat ins Auge. Sie begannen mit Rilke-Texten zu experimentieren. Christa Fast, Schauspielerin und Freundin von Fleer, las Gedichte, rief Nina Hagen an, die daraufhin bei einem Glas Wein eigene Interpretationen beisteuerte, wie die Produzentin erzählt. Nach und nach kamen weitere Stimmen hinzu: „So ist das Projekt einfach entstanden.“

          Künstler ließen sich auf Experiment ein

          Voll des Lobes ist Fleer über die Künstler, die bei den drei Alben mitgemacht haben. Besonders für jene, die auf der ersten CD zu hören sind. Denn die Schaupieler und Sänger haben sich auf ein Experiment eingelassen haben, da sie die Kompositionen nicht kannten, als sie die Texte sprachen. Und obwohl es ähnliche Projekte schon gegeben hatte, war der Erfolg doch nicht absehbar.

          Dazu paßt, daß sich nach den Worten von Fleer nur eine Plattenfirma wirklich getraut hat, die vertonten Rilke-Texte zu veröffentlichen. 30.000 Alben hätten verkauft werden müssen, um die Gewinnschwelle zu überschreiten. Tatsächlich hat die erste CD mehr als 150.000 Käufer gefunden, wofür es eine goldene Schallplatte gab. Von den Folge-Alben sind bisher jeweils etwa 100.000 Stück verkauft worden. „Damit haben wir nie gerechnet“, versichert Fleer und hält sich mit beiden Händen am Stuhl fest, als ob sie sich vor dem Abheben schützen müßte angesichts der Verkaufszahlen und des Erfolgs bei den Auftritten.

          Jahrelange Erfahrung als Live-Keyboarderin und Songwriter

          Vor dem Abheben dürfte sie indes schon deshalb geschützt sein, weil sie in der Branche alles andere als ein Neuling ist und die Unkalkulierbarkeit ihres Geschäfts kennt. In den achtziger Jahren hat sie bei den Frankfurter Gruppen Gina Livingston Band und Möller ausgiebig Bühnenerfahrung gesammelt, tourte später mit Wolfgang Niedeckens „Complizen“ durch Mozambique. In den neunziger Jahren steuerte sie unter dem Künstlernamen „Yara“ zur Weltmusik das meditative Album „Waiting for the big rain“ bei. Auch hat sie Songs für BAP, Sally Oldfield und Robin Beck geschrieben. Außerdem sorgt ihr kleiner Sohn für Bodenhaftung: Künstlermäßig bis in den Mittag hinein schlafen, kann sie sich nicht leisten. Ihr Tag beginnt, wie sie erzählt, gegen halb sieben und endet häufig erst spät abends im eigenen Studio, wenn Papierkram am Schreibtisch erledigt ist.

          Ob sie das Projekt reich gemacht hat angesichts der Verkaufszahlen? „Leider noch nicht.“ Aber das Geld reicht immerhin für den Plan, nach dem Ende der Tournee, die das Rilke-Projekt an diesem Freitag in die Marburger Stadthalle führt, eine Auszeit zu nehmen. Fleer will mit Mann und Kind für ein paar Monate nach Kalifornien gehen, dort das Studio einrichten - und „schauen, was als nächstes passiert“. Ob es ein Rilke-Projekt Vol. 4 geben wird, läßt sie mithin offen. Texte des Dichters, die sie inspirieren, gibt es aber noch zuhauf.

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