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Porträt : "Militanter Stalinist und kolossaler Dichter": Pablo Neruda

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Ein gespenstisches Foto: Der Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda wird im Stadion von Santiago de Chile gefeiert, und nur wenige Reihen hinter ihm applaudiert General Augusto Pinochet.

          Ein gespenstisches Foto: Der Literatur-Nobelpreisträger Pablo Neruda wird im Stadion von Santiago de Chile gefeiert, und nur wenige Reihen hinter ihm applaudiert General Augusto Pinochet, der schon neun Monate später gegen Nerudas Freund und kommunistischen Parteigenossen Salvador Allende putschen und bald auch andere Freunde des Dichters in ebendiesem Stadion foltern lassen wird. Leider fehlte der Name des Fotografen unter dem Bild an der Info-Stellwand vor der Katharinenkirche, wo kirchliche Gruppen, Friedensinitiativen und der Club Voltaire den 100. Geburtstag des engagierten chilenischen Lyrikers mit Literatur, lateinamerikanischen Tänzen und Liedern sowie einem Konzert des Mikis-Theodorakis-Chors Tübingen feierten.

          Auf dem Programm stand Nerudas Hauptwerk, der "Canto General", den der dichtende Diplomat nach seiner Rückkehr aus dem Madrid des Bürgerkriegs zwischen 1937 und 1949 verfaßt hatte. Ein Hymnus auf die Landschaft und die Geschichte Chiles, eine Abrechnung mit den spanischen Eroberern und Unterdrückern, eine Solidaritätsbekundung an das entrechtete Volk. Als Botschafter in Paris lernte Neruda 1970 den im Pariser Exil lebenden griechischen Komponisten Mikis Theodorakis kennen, der daraufhin 13 Gedichte des "Canto" vertonte. Der Putsch der Militärjunta kam der Uraufführung in Chile zuvor, dafür mußten die Obristen in Griechenland der Demokratie weichen, und Theodorakis konnte heimkehren. 1975 wurde sein Volksoratorium im Athener Karaiskakis-Stadion uraufgeführt.

          Drei vertonte Gedichte aus dem "Canto" sangen der Tübinger Chor und die Solistin Renate Fresow aus Offenbach nun unter der Leitung von Henning Zierock: schlicht in der Terzen-Harmonik, abwechslungsreich in der Rhythmik, in der Melodik dem traditionellen griechischen Volkslied nahe. In den "Vegetaciones" dominierte das Hymnisch-Rhapsodische. "La United Fruit", eine Satire auf die Inbesitznahme des lateinamerikanischen Subkontinents durch multinationale Konzerne, zeichnete sich eher durch stampfende und galoppierende Rhythmen aus, der Aufruf zum Aufstand an das "America Insurrecta" dagegen durch gravitätischen Bombast. Der Chor war mit seiner Einstudierung schon 1988 im damals noch diktatorisch regierten Chile zu Gast und arbeitet jetzt mit einer Friedensinitiative am Aufbau eines Kulturzentrums und einer Musikschule in Bagdad.

          Derweil beschäftigt sich die Justiz mit den Ex-Diktatoren Hussein und Pinochet. Aber auch Pablo Neruda, der sich gern als Stimme der Entrechteten ausgab und noch heute als Ikone der Linken verehrt wird, ist erst vor kurzem in einer Dissertation (Wissenschaftlicher Verlag Berlin) vorgeführt worden: David Schidlowky hat den liebestrunkenen Troubadour mit der vermeintlich großen Seele auf tausend Seiten biographisch entzaubert. "Neruda hat Kollegen denunziert, antisemitische Sprüche geklopft und die Flucht seiner ersten Frau nach Chile aktiv verhindert, nachdem er sie während der NS-Besatzung mit einem gemeinsamen behinderten Kind in Amsterdam verlassen hatte", zählt Doktorvater Victor Farias, der auch die kritische spanische Gesamtausgabe herausgibt, die "Tiefpunkte dieser schlimmen Biographie" auf.

          "Neruda war ein militanter Stalinist und ein kolossaler Dichter", kommentiert Farias die zwiespältige Persönlichkeit des Lyrikers und Diplomaten, der unter anderem als Konsul in Mexiko einem Beteiligten am Mordkomplott gegen Trotzki zur Flucht nach Chile verholfen hatte. "Er war ein Virtuose der Poesie, der das Leben als Spielzeug benutzt hat", resümiert der Forscher am Berliner Lateinamerika-Institut. Als Wissenschaftler fühlt er sich auch der enttäuschenden Wahrheit verpflichtet und bedauert daher, daß die Dissertation seines Zöglings bislang nur in Amerika rezipiert wird. Neruda ist 1973 in Santiago an Krebs gestorben, zwölf Tage nach der Ermordung Allendes. Aber erst in der vorigen Woche wurde die Immunität Pinochets endgültig aufgehoben. CLAUDIA SCHÜLKE

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