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Pop & Klassik : Nostalgische Rosinen: Die „Nokia Night of the Proms“

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Einst Ultravox-Chef, nun ein Nokia-Prom: Midge Ure... Bild: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

Wieder schlägt das Festival „Nokia Night Of The Proms“ mit gleich zwei ausverkauften Veranstaltungen in der Frankfurter Festhalle eine Brücke zwischen E- und U-Musik. Nicht ernsthaft freilich, sondern locker, zuweilen sogar recht ausgelassen.

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          Über der Fertigstellung der Partitur seines Requiems verstarb Wolfgang Amadeus Mozart mit jugendlichen 35 Jahren - jung starben Musikergenerationen später auch Rocklegenden wie Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrisson und Kurt Cobain. Ob der um Entertainmenteinlagen angeblich selten verlegene österreichische Genius sich amüsiert hätte beim Anblick zweier kostümierter Revolverhelden, die nach dem „Dies Irae“ mit Platzpatronen über die Köpfe des Publikums hinweg ins Orchester feuern und Ennio Morricones „Spiel mir das Lied vom Tod“ anstimmen, kann nur gemutmaßt werden.

          Wieder schlägt das Festival „Nokia Night Of The Proms“ mit gleich zwei ausverkauften Veranstaltungen in der Frankfurter Festhalle eine Brücke zwischen E- und U-Musik. Nicht ernsthaft freilich, sondern locker, zuweilen sogar recht ausgelassen. Der bemüht witzige Conferencier Markus Othmer, eigentlich Frühstücksradiomoderator beim Bayerischen Rundfunk und Fußballstadionsprecher, wirkt dabei wie der Heizdeckenverkäufer auf Butterfahrt.

          Unter der Leitung von Robert Groslot hetzen das 72 Musiker starke Orchester Il Novecento und der 50-Stimmen-Chor Fine Fleur in einer Tour de Force durch rund 400 Jahre Musikhistorie, aus der in schönster Willkür besonders süß mundende Rosinen gepickt wurden: Johannes Brahms „Ungarischer Tanz Nr. 5“ etwa. Aber auch Giuseppe Verdis „Zigeunerchor“, der „Kaiserwalzer“ von Johann Strauß und sogar De Fallas „Ritueller Feuertanz“. Als Zwischeneinlage fungieren noch und ehemals populäre Veteranen der Rock- und Popszene. Dieser Teil des auf fast vier Stunden ausgewalzten Spektakels bleibt freilich ebenso banal, wie die auf leicht konsumierbares Westentaschenformat gebrachten klassischen Stücke schauerlich marginalisiert werden.

          ...der in Frankfurt genauso auftrat wie Manfred Mann von der Earth Band...
          ...der in Frankfurt genauso auftrat wie Manfred Mann von der Earth Band... : Bild: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer

          Polyrhythmisches Getrommele und ausgefeilte Lichtspielereien

          Mit einem kollektiv skandierten Kommando „Music, Maestro please!“ beginnt nach Richard Strauss' „Also sprach Zarathustra“ die erste Halbzeit. Nubya, gebürtige halbnigerianische Schweizerin, serviert, trotz exotischer Fassade, etwas deplaziert biederen Schlagereintopf mit angesoultem Jazztimbre. Wahre Beifallsstürme erntet hingegen das athletische „Safri-Duo“. Mit polyrhythmischem Getrommele und ausgefeilten Lichtspielereien fegen die Dänen Uffe Savery und Morten Friis einem Wirbelsturm gleich über das Auditorium hinweg. Viel Zeit zum Luftholen bleibt da nicht. Zumal wenige Minuten später der ehemalige „Ultravox“-Sänger und Mitinitiator von Live 8, Midge Ure, mit betörender Stimme in die New-Wave-Ära der achtziger Jahre entführt.

          Übertroffen wird soviel Nostalgiewehmut allerdings von keinem Geringeren als Manfred Mann. Wiedervereinigt mit Sänger Chris Thompson, beschert der stets huttragende Keyboarder mit vier seiner absoluten Kult-Klassiker, „Blinded by the light“, „Davy's on the road again“, „Mighty Quinn“ und „Do wah diddy diddy“, noch in der ersten Hälfte den zumindest von Publikumsseite aus umjubelten Höhepunkt.

          Nach der Pause eröffnet Gioacchino Rossinis „Die diebische Elster“ den zweiten Teil. Das rasend schnell gespielte Stück gehört zum stets gepflegten Proms-Inventar samt irrwitziger Einlage von Perkussionist Patrick De Smet. Dem folgt der ebenfalls traditionelle Auftritt von Musical Director John Miles, der wie in jedem Jahr sein Opus magnum, den Evergreen „Music“, zelebrieren darf.

          Eine Legende auf der Bühne

          Und dann steht mit Roger Daltrey endlich eine lebende Legende auf der Bühne. Die Sangesikone der britischen Rockformation „The Who“ serviert stolze fünf Songs. Anfänglich fragt der noch immer erstaunlich jugendlich wirkende Daltrey „Who are you?“ - ein perfekter Beginn. Es folgen „Behind blue Eyes“, eine stimmungsvolle Ballade, mit der die amerikanische Nu-Metall-Formation „Limp Bizkit“ im vergangenen Jahr weltweit Erfolge feierte, „Pinball Wizard“, das etwas sentimental geratene „Without your love“ und schließlich ebenfalls aus der Rockoper „Tommy“, „See me, feel me“.

          Das energiegeladene Kraftwerk, noch immer mit dem Elan der Glanzzeit zu Werke gehend, sich traumhaft die Seele aus dem Leib singend, läßt das Mikro wie zu alten Who-Zeiten durch die Lüfte kreisen. Doch bei aller Wertschätzung für Roger Daltrey bleibt das Auditorium wie vor Ehrfurcht erstarrt. Schade eigentlich. Denn verglichen mit diesem Auftritt, wirkt das Finale aller Musiker mit der Flower-Power-Hymne „All you need is love“ von den Beatles allzu kalkuliert.

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