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Universalist am Piano : Hessischer Jazzpreis für Christof Sänger

  • -Aktualisiert am

Versiert in allen Stilrichtungen: Der Wiesbadener Jazzpianist Christof Sänger Bild: Danuta Lehmann

Solist und idealer Partner: Der Wiesbadener Pianist Christof Sänger gilt seit 30 Jahren international als ein Universalist des Jazz. Nun wird er von der hessischen Landesregierung ausgezeichnet.

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          Es wäre den Versuch wert, Christof Sängers Aufnahme von Duke Ellingtons „In a Sentimental Mood“ einmal amerikanischen Superstars des Jazzpianos vorzuspielen, sagen wir Herbie Hancock, Keith Jarrett und Brad Mehldau, um sie raten zu lassen, wer da 2015 am Bösendorfer Grand Imperial im berühmten MPS-Studio von Villingen saß. Vielleicht würde Hancock sagen, das sei Keith, und Brad Mehldau, das müsse eine nachgelassene Produktion von Art Tatum sein. Auf alle Fälle aber würden sie des Lobes voll sein über diese irrsinnige Introduktion, die schon in den ersten Sekunden die Möglichkeiten des grandiosen Instruments ausreizt und kaum vermuten lässt, dass danach eine wehmütig-filigrane Ballade folgt. Und würden staunen über die unbändige pianistische Spielfreude und die musikalischen Geistesblitze, von denen die gesamte Aufnahme „Tribute To My Favorites“ nur so strotzt.

          Unbändige Spielfreude und die musikalischen Geistesblitze

          Bei Christof Sängers originellen Improvisationen weiß man vorher nie, wie einer dieser uralten Standards aus dem Great American Songbook anfängt und wie er aufhört. Aber man weiß, dass sich der privat so ruhig und bescheiden auftretende Pianist dazwischen immer in einen wahren Klangrausch steigert, bei dem kein Ton des ursprünglichen Songs auf den anderen folgt, der swingende Duktus oder der lateinamerikanische Rhythmus abrupt in einen Rag oder ein Stride-Piano-Spiel wechseln kann, bei dem die Basstöne, Oktavgänge und Blockakkorde in der linken Hand sich nur so überschlagen. Der Saxophonist Ernie Watts, sein langjähriger Partner, hat ihm das beste musikalische Zeugnis ausgestellt, das ein Jazzmusiker einem anderen Jazzmusiker geben kann: Er sei ein technisch brillanter Musiker, außergewöhnlich sensibel und könne Gedanken lesen.

          Diese Fähigkeiten haben ihn auch zu einem idealen Partner von Sängerinnen werden lassen, denen er mit einfühlsamen Präludien und Spürsinn für Harmonien stets einen angemessen klangschönen Teppich ausgerollt hat. Sheila Jordan konnte darauf ebenso vertrauen wie die schwarzen Blues- und Gospel-Stars Harriet Lewis, Angela Brown, Denise Gordon oder Brenda Boykin, die er als etatmäßiger Pianist der Barrelhouse Jazzband seit 2010 bei ihren Gastsauftritten mit der Band begleitet hat. Apropos Barrelhouse Jazzband: Dass Christof Sänger dem Frankfurter Urgestein des traditionellen New-Orleans-Jazz ebenso stilgerecht die harmonische Basis liefern kann wie er mit Sunny Murray den Free Jazz auslotet und mit Branford Marsalis oder Paquito D’Rivera Stilvarianten eines Neo-Bebop erprobt, macht ihm in der modernen Szene spezialisierter Jazzpianisten unangefochten zum Universalisten.

          Seit 30 Jahren unterwegs

          Christof Sänger hat sich bei vielen Gastspielen in New Yorker Clubs, auf Tourneen durch Südamerika bis nach Japan und mit seinen Soloauftritten in ganz Europa seit gut dreißig Jahren internationales Ansehen erworben, ist aber als Wiesbadener immer mit der Region verwurzelt geblieben. Nun hat Kunstministerin Angela Dorn (Die Grünen) bekannt gegeben, dass Sänger den mit 10.000 Euro dotierten Hessischen Jazzpreis erhält.

          Er hat den Preis, der Künstler, Ensembles und dem Jazz verbundene Persönlichkeiten „für ihre musikalische Leistungen oder für besondere Verdienste um die Entwicklung der hessischen Jazzszene auszeichnen soll“, in jeder Hinsicht verdient. Damit gehört er als dreißigster Preisträger zu einer stattlichen Reihe großer Jazzmusiker der Region mit internationaler Ausstrahlung, die 1991 mit dem Saxophongiganten Heinz Sauer begann und mittlerweile so klangvolle Namen wie Michael Sagmeister, Reimer von Essen, Christof Lauer, Ekkehard Jost, Wolfram Knauer, Emil Mangelsdorff, Bob Degen und im vorigen Jahr Tony Lakatos vereint.

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