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Konzert : Philosophischer Poet der Magie

  • -Aktualisiert am

Charismatisch: David Sylvian Bild: Marcus Kaufhold

Schon lange gilt David Sylvian als enigmatischer Intellektueller des Pop, dessen Musik die Grenzen des Genres hinter sich gelassen hat. Jetzt brillierte er vielleicht ein letztes Mal live im Offenbacher Capitol.

          „It’s a wonderful world, and you take and you give, and the sun fills the sky, in the space where you live.“ In dieser ersten Strophe scheint David Sylvians Welt so sehr in Ordnung, dass es an romantische Verklärung grenzt. Doch wenige Zeilen später attackiert brutale Realität die vermeintliche Idylle, brechen Gebäude und Menschen zusammen, verlieren alte Träume und Werte ihre Relevanz, wird Heimat unvermittelt fremd. „Wonderful World“ ist der erste und keineswegs einzige besorgte Song auf David Sylvians neuem Album „Snow Borne Sorrow“, das er Ende 2005 unter dem Bandnamen „Nine Horses“ veröffentlicht hat.

          Schon lange gilt Sylvian als enigmatischer Intellektueller des Pop, dessen assoziative Lyrik und dunkel-poetische Musik die Grenzen des Genres hinter sich gelassen hat. Kreisten seine Songs früher um alltägliche Zweifel oder persönliche Verluste, so ist „Snow Borne Sorrow“ stark von Entwicklungen nach dem 11. September 2001 geprägt. Dabei erhebt sich Sylvian nicht zum zeigefingerbewehrten Ankläger. Vielmehr genügen ihm suggestive Bilder von literarischer Qualität, um über allgegenwärtige Rückzüge, Verdrängungsmechanismen oder die „Banalität des Bösen“ zu philosophieren.

          Sylvian hat wirklich etwas zu sagen

          Zweifellos ist Sylvians politisches Bewusstsein ehrlich und glaubwürdig. Motiviert von Ryuichi Sakamoto, Trauer und Wut, schrieb er schon 2003 den Protestsong „World Citizen“, der im Film „Babel“ und nun auch im Offenbacher Capitol erklingt. Natürlich finden sich ebenso „Wonderful World“, das beinahe apokalyptische „Atom & Cell“ und das zwischen Hoffnung und Eskapismus schlingernde „Librarian“ im Live-Repertoire. Dazwischen mischt Sylvian ältere Songs. Vielleicht ist es ihm ernst ist mit der Ankündigung, all diese Song-Edelsteine ein letztes Mal auf Tournee zu spielen und sich danach anderen Projekten zu widmen.

          David Sylvians Karriere begann in den siebziger Jahren, als er mit seinem Bruder Steve Jansen die glamouröse Popband „Japan“ gründete. In der folgenden Dekade begann sich der 1958 geborene Musiker zunehmend für Details zu interessieren, Rhythmus zugunsten von Sounds in den Hintergrund zu rücken. Dabei arbeitete Sylvian mit der Elite experimentierfreudiger Klangkünstler, unter ihnen Robert Fripp, Holger Czukay und Jon Hassel, sowie immer wieder mit Ryuichi Sakamoto und Jansen. Letztere beiden sind, wie auch der Kölner Produzent Bernd „Burnt“ Friedman, maßgeblich an „Snow Borne Sorrow“ beteiligt, das als „bestes Pop-Album“ mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde.

          Das Besondere an dem charismatischen Briten ist nicht nur seine feinziselierte Musik, die auch live kaum eine Nuance verliert, sondern ebenso sein sonor-melodischer Gesang. Sylvians magische Stimme sinniert mit gleicher Eleganz und Intensität über emotionale Erstarrung und verlorene Liebe wie über Ängste und globale Verhängnisse. Entsprechend sensibel formen Takuma Watanabe, Keith Lowe und Steve Jansen impressionistische Klaviermotive, dezent pulsierende Basslinien und dynamische Schlagzeugmuster zu Klangbildern, die Hayden Chisholm mit Saxophon-Modulationen verziert. Auch wenn das Quintett Rockstereotypen wie lange Soli, ekstatische Posen und joviale Ansagen vermeidet, vermag es die Atmosphäre im Saal immens zu verdichten. Wer wirklich etwas zu sagen hat, braucht keine Showeffekte.

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