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„Philoktet“ im Studio Naxos : Ein Haufen Überschreibungen

Archäologie unter der Haut: Bettina Földesi als Philoktet Bild: Philipp Scholtysik

Das Studio Naxos macht aus dem Mythos „Philoktet“ eine Performance – und stellt die ursprüngliche Erzählung damit völlig auf den Kopf. Dem Publikum gefällt es.

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          Da freut man sich auf Sophokles, und dann das: eine Bildbeschreibung, ein Palimpsest, ein Bastard aus Erzählung und Drama, und das auch noch voller Fehler. Jacob Bussmann (Dramaturgie), Philipp Scholtysik (Regie) und Bettina Földesi (Performerin) hätten neben Google auch ruhig mal Vergil und Homer bemühen können, um zu wissen, dass Hektor nicht von Philoktet, sondern von Achill getötet und mehrmals um die Mauern Trojas geschleift wurde. Als die Tragödie um „Philoktet“ einsetzt, ist sogar Achilles längst tot, der Trojanische Krieg im zehnten Jahr und kann nur noch mit dem Zauberbogen gewonnen werden, den der leidende Herakles einst dem Philoktet inklusive Giftpfeilen schenkte, weil der seinen Scheiterhaufen entzündete.

          Claudia Schülke
          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Philoktet wurde während der Danaer-Fahrt nach Kleinasien auf der Insel Chryse von einer Schlange gebissen und auf Rat des Odysseus auf Lemnos ausgesetzt, weil seine Kampfgefährten den Gestank der faulenden Wunde nicht mehr ertragen konnten. Seitdem lebt Philoktet von den Vögeln, die er mit Pfeil und Bogen erlegt. Nun also muss sich Odysseus als intriganter Vordenker der Griechen mit Achills unbedarftem Sohn Neoptolemos aufmachen, um den einstigen Kampfgefährten ins Kriegslager vor Troja zu holen. Natürlich mit einer List, denn sonst würde ihm Philoktet niemals folgen. Nur hat Odysseus nicht mit der Redlichkeit und Empathie seines Begleiters gerechnet.

          Die ursprüngliche Version wurde kräftig überschrieben

          So weit der Mythos. Doch die junge Truppe von Studio Naxos hatte etwas anderes im Sinn. Da sie offenbar davon ausging, dass der Mythos von Überschreibungen lebt, hat sie Sophokles’ Text, der ohnehin mit drei Personen auskommt, kräftig überschrieben: mit umgestellten Szenen, falschen Angaben und einer Erzählung, die an die Beschreibung eines Tempelfrieses erinnert. Bettina Földesi nähert sich der Figur des Philoktet so vorsichtig wie eine Ärchäologin oder Restaurateurin: Behutsam beschreibt sie Haltung und Leben des Titelhelden. Dabei flicht sie Sophokles’ Worte ein, zuletzt sogar in verschiedenen Übersetzungsvarianten von Schadewald bis Google.

          Das ist zeitweise langweilig, aber auch intensiv, nämlich unter die verletzte Haut des Protagonisten gehend. Nicht nur Neoptolemos wird weich angesichts der immer noch schwärenden Wunde am Bein und im Herzen des Philoktet. Auch das junge Publikum wusste das zu schätzen und bedankte sich nach einer Stunde mit herzlichem Applaus. Sophokles hatte Herakles als Deus ex machina auf die Szene geschickt, um der Tragödie eine glückliche Wendung zu geben: Philoktet zieht bei ihn mit nach Troja und wird dort von Asklepios geheilt. Im Seitenschiff der Naxoshalle verlässt er/sie die Spielfläche mit den Worten „Ich bin nichts“. Oder wie auch immer die Nachwelt Sophokles übersetzt hat. Damit hat das Team die Vereinnahmung der Figuren als Anmaßung ausgeschlossen. Das ist ein legitimer Ansatz, sich alten Wissens theatral zu bemächtigen.

          Weitere Vorstellungen finden in der Naxoshalle am 8., 9. und 10. November um jeweils 20 Uhr statt.

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