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„Hocus Pocus“ in Wiesbaden : Mehr als eine Zaubershow

Wie im Traum: Mickael Henrotay-Delaunay (links) und Philippe Chosson erleben ein surreal anmutendes Abenteuer. Bild: Philippe Weissbrodt

„Zauber im Theater“ - mit Magie hat das nichts zu tun, mit Bühnenzauber wohl. Philippe Saire schafft ein Tanzstück für Kinder, das Anspruch und Qualität verbindet.

          Mit einer Zaubershow hat das nun wirklich nichts zu tun, obwohl es „Hocus Pocus“ heißt. Es ist viel, viel besser. Denn wenn hier Arme weg und Knie her, Füße nach vorn und Rücken nach hinten gezaubert werden, Gegenstände und Menschen verschwinden, dann hat jede und jeder im Publikum seine eigene Geschichte im Kopf. Haben die da ein Flugzeug gebaut? Ist das etwa abgestürzt? Was macht denn dieser komische Fisch hier? Und was der Ritter im Kettenhemd?

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vielleicht haben die beiden Freunde, die sich am Anfang und am Ende brüderlich unterhaken, das alles nur geträumt – und das Publikum auch. Und was genau, das will das ein oder andere Kind schon mitten in der Vorstellung besprechen, andere schauen lieber erst einmal, den Mund halbgeöffnet, und sprudeln hinterher los. Jeder seine eigene Interpretation.

          „Hocus Pocus“ spielt mit optischen Täuschungen und Theatertechnik auf kleinstem Raum, das Erstaunen, bisweilen auch das Erschrecken der beiden Figuren verwandelt sich in ein Theatererlebnis, ohne fürchten zu müssen, selbst Figur in diesem seltsam surrealen Abenteuer zu sein. Zwei prima Tänzer (Philippe Chosson, Mickael Henrotay-Delaunay), zwei Neonröhren, die einen winzigen Guckkasten rahmen, viel Schwarz und einige wenige phantastische Requisiten – flatternde Plastikbänder, ein Kettenhemd, mehrere Fische, ein Wassermann, viel Nebel und blauer Stoff, der zum Meer wird, mehr braucht der Schweizer Choreograph Philippe Saire nicht, um Welten erstehen zu lassen. Wenn so einer, seit mehr als 30 Jahren sein eigener Herr als Leiter der Compagnie Philippe Saire in Lausanne und ein Aushängeschild des zeitgenössischen Tanzes in der Schweiz, ein Stück für alle von sieben Jahren an macht, dann eben auf haargenau dem Standard, den man an jedes Erwachsenenstück auch anlegen würde.

          Schweizer Gastspiel

          Das klingt selbstverständlich, ist es aber, leider, noch lange nicht. Deswegen ist „Hocus Pocus“, abgesehen von seiner Originalität, eines jener „Starken Stücke“, die von heute an in der Rhein-Main-Region zu sehen sind. Auf dass Publikum, Theater, hiesige Künstler sich gemeinsam an diesen Stücken stärken können. Wiesbaden gehört nicht zur Kulturregion und dem Verbund der „Starken Stücke“ – aber dank dem Hessischen Staatsballett und dessen Kurator Bruno Heynderickx kamen nun die Wiesbadener im Kleinen Haus des Staatstheaters als Erste in den Genuss des Schweizer Gastspiels.

          „Hocus Pocus“ ist das Gegenstück zu „Vacuum“ für Erwachsene, das 2017 schon beim Festival Tanzmainz zu sehen war – nur konsequent also, dass auch „Hocus Pocus“ nach „Starke Stücke“ noch über den Rhein wandern wird, zum dritten Tanzmainz-Festival. Mag sein, dass, wer noch mal hingeht, herausbekommt, ob ein Quastenflosser oder doch ein Wal mit im Spiel ist.

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