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Peter Suhrkamp : Der Mann fürs Ungebärdige

Archivar Wolfgang Schopf hält im Archiv der Peter-Suhrkamp-Stiftung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main ein Porträt des Verlegers Peter Suhrkamp in den Händen Bild: dpa

Ohne Peter Suhrkamp wäre aus Frankfurt nach dem Krieg nicht die Literaturstadt von heute geworden: Vor 50 Jahren starb der Gründer des Suhrkamp Verlags.

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          Er hat einen Verlag durch schwierige Zeiten geführt und einen anderen Verlag neu aufgebaut. In den ersten anderthalb Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er maßgeblichen Anteil daran, dass aus Frankfurt die Literaturstadt wurde, die es seitdem geblieben ist. Peter Suhrkamp, der heute vor fünfzig Jahren in Frankfurt starb, steuerte den von seinen jüdischen Besitzern übernommenen S. Fischer Verlag durch die Jahre des Nationalsozialismus und fing bald nach dem Krieg mit der Gründung des Suhrkamp Verlags neu an.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Geboren wurde der Mann, der den Grundstein für den Erfolg seines Nachfolgers Siegfried Unseld legte, am 28. März 1891 als Sohn eines Bauern im Oldenburgischen. Nichts an seiner Herkunft deutete auf Suhrkamps späteren Beruf hin, Carl Zuckmayer aber merkte dem Freund sein Herkommen noch viele Jahre später an. Er beschreibt den Verleger, der nach der Flucht des Autors aus Deutschland für kurze Zeit dessen Familie bei sich aufgenommen hatte, in den Dossiers, die er während des Krieges für den amerikanischen Auslandsgeheimdienst OSS verfasste: „Persönlich ist Suhrkamp ein sehr tief veranlagter, etwas versponnener, etwas vergrübelter, etwas querköpfischer Charakter, mehr depressiv als optimistisch, mehr norddeutscher ,Spökenkieker‘ als Philosoph, schriftstellerisch mehr eigenwilliger Amateur als echtes Talent, mit künstlerischem Empfinden, aber leicht puristischer Attitude, in seinen Grundanschauungen und seinem inneren Wesen klar und sauber. Äußerst leistungsfähiger Arbeiter, vorzüglich als Leiter einer Arbeitsgemeinschaft. Man würde ihm eine innere Auflockerung wünschen, einen Tropfen keltischen, romanischen, jüdischen Bluts – aber leider waren wohl alle seine Vorfahren entschlossene Niedersachsen. Desto respektabler erscheint seine persönliche Entwicklung zu einem Mann von kultureller Bedeutung.“

          Ehe er auf diese Weise beschrieben werden konnte, hatte Suhrkamp sich seiner norddeutschen Heimat entwinden müssen. Sein Vater wollte, dass der Erstgeborene den Hof der Familie übernahm, dieser sah die Sache anders, besuchte die Schule sehr viel länger als vom Vater geplant und ließ sich sogar zum Lehrer ausbilden. Nur drei Jahre konnte er in der Volksschule unterrichten, bevor er 1915 zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Drei Jahre lang war Suhrkamp Soldat. Er ging nicht zurück nach Hause, sondern studierte Germanistik in Heidelberg, München und Frankfurt. In der Stadt, in der er drei Jahrzehnte später seinen zweiten Verlag ansiedeln sollte, legte er sein Examen ab, nebenher unterrichtete er an der Heppenheimer Odenwaldschule, einem der ersten reformpädagogischen Landschulheime.

          Auch nach dem Studium blieb Suhrkamp im Rhein-Main-Gebiet. Er wurde Dramaturg und Regisseur am Landestheater Darmstadt, an „sehr bemerkenswerter Stelle“, wie der Germanist Hans Mayer es in seinen Erinnerungen an Suhrkamp formuliert: „Das dortige Landestheater wurde in seinem Spielplan und Aufführungsstil sehr beachtet. Dort war man synchron mit der hervorbrechenden neuen Weltliteratur – Eugene O’Neill und George Bernard Shaw, Luigi Pirandello und die Sowjetrussen.“ Die Eigenschaften, die Mayer zwischen 1921 und 1925 aus der Ferne an Suhrkamps Darmstädter Theaterschaffen beobachten konnte, führten den zukünftigen Verleger schließlich aus Hessen nach Berlin: Mayer erschien Suhrkamp, obwohl „eher konservativ, sogar ein bisschen klassizistisch“, als Mann, der für die „ungebärdige und skandalreiche neue deutsche Literatur eintrat“.

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