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Paolo Carignani : Mit Bruckners achter Sinfonie beim "Museumskonzert"

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Vor mehr als 30 Jahren hat in der Berliner Philharmonie ein ungewöhnliches Konzert stattgefunden. Als Gast am Pult der dortigen Philharmoniker interpretierte der Dirigent Riccardo Muti Anton Bruckners erste Sinfonie damals gewissermaßen aus dem Blickwinkel seiner Heimat.

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          Vor mehr als 30 Jahren hat in der Berliner Philharmonie ein ungewöhnliches Konzert stattgefunden. Als Gast am Pult der dortigen Philharmoniker interpretierte der Dirigent Riccardo Muti Anton Bruckners erste Sinfonie damals gewissermaßen aus dem Blickwinkel seiner Heimat. Die mit unerhörtem Schwung und beispielloser Spritzigkeit dargebotene Musik klang so, als habe sich Rossinis Esprit in die Partitur eingeschlichen. Nun atmet Bruckners Erstling, eigentlich die Dritte nach dem unnumerierten Studienwerk in f-Moll und der "Nullten" d-Moll, noch nicht die sinfonische Schwere späterer Hervorbringungen, kennt weder Pathos noch Wagner-Tuben. Doch in einer Zeit, in der Bruckners Sinfonik meist noch einseitig weihevoll, mit quasi katholischer Strenge entfaltet wurde, wollte Muti vielleicht ein Zeichen setzen. Sein Experiment machte Schule, und es gab in der Folge so manchen Dirigenten südlicher Herkunft, der sich nicht scheute, seiner Bruckner-Deutung eine mehr oder weniger kräftige Portion Italianita beizumischen.

          Generalmusikdirektor Paolo Carignani, der gemeinsam mit dem Frankfurter Museumsorchester gestern in der Alten Oper Bruckners achte Sinfonie aufgeführt hat, ist einen anderen Weg gegangen. Seine Interpretation des klangmächtigen Riesenwerks von 85 Minuten Aufführungsdauer verlief in konventionelleren Bahnen im Hinblick auf die sinfonische Tradition und die aus ihr resultierenden Rezeptionsgewohnheiten, nicht jedoch hinsichtlich außermusikalischer Erklärungsversuche, wie sie nicht nur in der Romantik, sondern selbst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch schnell zur Hand waren. Also kein deutscher Michel und kein reitender Kaiser, sondern die strukturell wie großformal mit sicherer Hand entwickelte musikalische Logik waren es, die Carignanis Darbietung auszeichneten.

          Regelmäßige Konzertgänger und Musikkenner kennen die Entwicklung und Charakteristik der sinfonischen Form im Spiegel der Jahrhunderte. Reichte bei frühen Haydn-Sinfonien meist noch ein munterer Kehraus als Schlußsatz, findet man bei den "Pariser" und "Londoner" Sinfonien des Meisters und erst recht bei Mozart schon stärkere Korrespondenzen zwischen den Sätzen, die sich klangcharakteristisch anpassen. Beethoven war es vorbehalten, mit seiner Neunten den Prototyp einer Finalsinfonie zur Diskussion zu stellen - nicht nur wegen der Neuartigkeit einer Vokalkunst integrierenden Finallösung, sondern auch wegen der im Vorfeld praktizierten Rückbesinnung auf die Themen früherer Sätze, was die Geschlossenheit des Werkganzen natürlich erhöht. Durch den Einbruch eines Elements aus der Opernsphäre wird diese Geschlosssenheit andererseits infrage gestellt: Musikhistorisch erfährt die aus den Tanzfolgen der barocken Suite entwickelte sinfonische Form ihre Apotheose in Beethovens siebter Sinfonie, wohingegen die Neunte etwas völlig Neues einläutet.

          Bruckner nun hat den Prototyp einer auf vokale Elemente völlig verzichtenden Finalsinfonie geschaffen. Dies gilt zwar nicht generell, denn der Komponist hat mit seiner Sechsten und Siebten auch Werke mit abweichenden Kulminationsfeldern geschrieben. Die Fünfte aber und die Achte sind eindeutig als Finalsinfonien konzipiert, bringen gegen Ende kunstvolle Aufgipfelungen thematischer Bezüge unter Verwendung der in vorangegangenen Sätzen ausgearbeiteten Thematik. Dies hat für den Dirigenten weitreichende Folgen, fordert vom Interpreten auch einen langen konzeptionellen Atem. Carignani ist gestern das Kunststück gelungen, eine dynamisch weit ausgreifende Klangpalette mit erstaunlicher Transparenz zu verbinden und dabei den Eindruck von Pathos strikt zu vermeiden. Daß Bruckner von Bearbeitung zu Bearbeitung den Bläsern immer mehr Bedeutung einräumt, nimmt Carignani sehr ernst. Selten hat man die Achte mit solch starker Bläserdominanz wahrgenommen. Und dennoch wirkt das überlange Werk bei ihm nie auf blockartige Terrassendynamik reduziert, sondern stets geschmeidig und differenziert, was durch seinen flüssigen und umsichtigen Dirigierstil unterstützt wird.

          Vor allem vermeidet Carignani die bei dieser Sinfonie oft störende Überstrapazierung eines weihevollen Gesamtduktus. Unter seinen Händen klingt die Achte überaus kräftig, festlich, erfrischend "jenseitig", sinfonisch schlüssig, jedenfalls frei von akzentuierten Seufzermotiven und bedeutungsvollen Ritardandi vor Klanghöhepunkten. Die außerordentliche Präsenz des Gesamtklangs ließ an diesem musikalischen Morgen auf eine intensive Probenarbeit schließen. Namentlich die Bläser und die vielbeschäftigte Cellogruppe zeichneten sich durch eine famose Geschlossenheit aus. HARALD BUDWEG

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