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Paavo Järvi : Der musikalische Norden

Paavo Järvi, designierter Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Typisch bedeutet Vorhersehbarkeit und Langeweile: Der designierte Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters will Erkki-Sven Tüür, Carl Nielsen und Jean Sibelius aufführen und die Bruckner-Tradition des Orchesters neu beleben.

          Alle sechs Sinfonien des Dänen Carl Nielsen und alle sieben Sinfonien des Finnen Jean Sibelius wolle er hier aufführen. Soviel verrät der designierte Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters. Überhaupt werde ein Schwerpunkt seiner Arbeit auf hierzulande wenig bekannter nordeuropäischer Musik liegen.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viel Neue Musik soll es daneben geben, nicht zuletzt von Komponisten aus Paavo Järvis Heimat Estland: von Erkki-Sven Tüür etwa, mit dem der zunächst als Schlagzeuger ausgebildete, 1962 in Tallinn geborene Dirigent einst in einer Rockband spielte, natürlich von „Altmeister“ Arvo Pärt, aber auch von den Balten Eduard Tubin und Lepo Sumera. Daneben möchte Järvi die Bruckner-Tradition des Orchesters neu beleben, wie sie etwa von Eliahu Inbal, seinem Amtsvorgänger der Jahre 1974 bis 1990, geprägt worden ist.

          Das Programm, das er heute und morgen um 20 Uhr am Pult des hr-Sinfonieorchesters in der Alten Oper leiten wird, eine Gegenüberstellung der dritten Sinfonien von Pärt und Bruckner, soll dennoch nicht „typisch“ sein für die Zukunft. „Typisch“ dürfe überhaupt nichts sein, sagt Järvi, der sich in Deutschland derzeit noch auf englisch verständigt.

          Ohne Maestro-Gehabe

          Denn das bedeute Vorhersehbarkeit und Langeweile. „Flexibiltität“ ist in diesem Zusammenhang ein von ihm häufig gebrauchtes Wort: Das Orchester habe in den vergangenen acht Jahren unter Hugh Wolffs Chefdirigat stilistisch eine große Vielseitigkeit erlangt, die es zu bewahren und auszubauen gelte. Dazu zählten die Erfahrungen mit Barockmusik und der historischen Aufführungspraxis ebenso wie die Haydn-Interpretationen von Wolff, der ihm ein Orchester in bester Verfassung übergebe.

          Die Blechbläser seien ungemein stark, aber auch die Streicher verfügten über eine sehr hohe Klangkultur, weiß Järvi, der seit 1998 schon vier Mal am Pult des vormaligen Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt stand und nicht nur der Wunschkandidat der Intendanz und des Musikchefs des Hessischen Rundfunks war, sondern auch von den Musikern als Wolff-Nachfolger favorisiert wurde.

          Leider sei diese Qualität des Klangkörpers, die den Orchestern des WDR in Köln, des NDR in Hamburg oder des Bayerischen Rundfunks in München vergleichbar sei, international noch nicht genug anerkannt. Das ist aus Järvis Sicht auch eine Image-Frage: Orchester, die sich „Philharmonic“ nennen, gälten zu Unrecht als „glamouröser“ als die oft besseren Rundfunkorchester. Mit mehr Auslandstourneen möchte der zugänglich und ohne Maestro-Gehabe auftretende Sohn des Dirigenten Neeme Järvi deshalb das internationale Profil künftig schärfen.

          „Nicht zu groß und nicht zu klein“

          Das Reisen ist er selbst nur allzu gewohnt: Daß Frankfurt über den „wahrscheinlich besten Flughafen Europas“ verfüge, sei für ihn ein großer Vorteil, räumt er unumwunden ein. So wird er neben seiner Tätigkeit hier auch weiter sein volles Amt als Chefdirigent des Cincinnati Symphony Orchestra ausüben. Daneben bleibt er weiterhin Künstlerischer Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Künstlerischer Berater des Estnischen Nationalen Symphonieorchesters. Es sei jedoch keineswegs so, daß er sozusagen unersättlich mit möglichst vielen Orchestern arbeiten wolle. Im Gegenteil: Die vielen Gastdirigate bei ehedem bis zu 20 verschiedenen Orchestern pro Saison seien für ihn mehr und mehr unbefriedigend geworden. Er möchte nicht immer „bei Null anfangen“ und lieber mit wenigen Orchestern kontinuierlich arbeiten.

          In Frankfurt will sich Paavo Järvi, dessen Drei-Jahres-Vertrag (mit einer Option auf Verlängerung um weitere zwei Jahre) die Leitung von mindestens 30 Konzerten des hr-Sinfonieorchesters pro Saison vorschreibt, zunächst aber kein Zimmer nehmen: Stärker könne er sich hier auf die Arbeit konzentrieren, wenn er sich nicht zusätzlich um eine Wohnung sorgen müssen. Wohnsitze hat Järvi derzeit in London, Cincinatti und New York. Nach Amerika war sein Vater schon 1980 mit der Familie aus politischen und künstlerischen Gründen emigriert - im selben Monat übrigens, als auch Arvo Pärt die Heimat Estland verließ, dessen nun von Paavo Järvi geleitete dritte Sinfonie seinem Vater Neeme gewidmet ist.

          Von seiner neuen Wirkungsstätte als Stadt ist der Weltbürger mit amerikanischen Paß jedenfalls recht angetan: Von außen betrachtet habe Frankfurt etwas Amerikanisches, im Inneren besitze die Stadt, die er mit Freunden auch schon teilweise besichtigt habe, aber auch eine charmante Kleinteiligkeit. Sie sei kein Moloch wie Tokio, „nicht zu groß und nicht zu klein“.

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