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„Othello“ in Darmstadt : Gift im Herzen

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Mond und Uniform weiß: Szene aus „Othello“ in Darmstadt Bild: Nils Heck

Dieses Drama kann man nicht nur als einen Text über Rassismus lesen: Am Staatstheater Darmstadt geht es in Shakespeares „Othello“ um den Kampf zwischen Gut und Böse.

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          Jago, ein stattlicher Mann in Anzug und Krawatte, muss sich Gummihandschuhe überziehen und auf den Knien rutschend Urinale auswischen. Wie er dabei angeekelt und voller Wut schaut, wie er ordinär flucht und schimpft, ist ein eindrückliches Bild seines Hasses, das am Anfang steht von allem. Der Jago der Darmstädter „Othello“-Inszenierung ist getrieben von tiefer Missgunst und Gekränktheit, die sich in Bosheit und Hetze Bahn brechen. Doch wie Thorsten Loeb diesen Mann mit kahlgeschorenem Schädel und in Springerstiefeln gerissen seine hässlichen Pläne aushecken lässt, wie er laut darüber nachdenkt, Othello, „den Schoko“, zu stürzen, wie er schmeichelt und sich verstellt und dann wieder schreit, wie er mal strammsteht vor seinem wütenden General und sich später verständnisvoll gibt, als dieser an der Treue seiner Frau zweifelt, um ihm den letzten Rest giftigen Misstrauens ins Herz zu träufeln, ist unbedingt erlebenswert: eine Lektion, wie das Böse sich hineinfrisst in alles Gute und Wahre und von Vernunft Getragene, wenn man ihm nicht rechtzeitig Paroli bietet.

          Doch wendet sich Shakespeares Tragödie in der Inszenierung von Gustav Rueb keinesfalls mit dem Holzhammer der Pädagogik an das Publikum, auch wenn der Regisseur einiges zu sagen hat. Er hat sich entschieden, die Hauptrolle des Othello mit dem aus Fernsehfilmen bekannten dunkelhäutigen Schauspieler Ernest Allan Hausmann zu besetzen und so klar Stellung zu beziehen in einer seit einigen Jahren öffentlich ausgetragenen Debatte über die Frage, wie am Theater mit Rollen schwarzer Figuren umzugehen sei: ob und wie Schwarze von weißen Schauspielern dargestellt werden sollten.

          Ein Text nicht nur über Rassismus

          Und auch weil der Regisseur herausarbeitet, dass man das 400 Jahre alte Drama als einen Text nicht nur über Rassismus, sondern womöglich als einen in Teilen rassistischen Text lesen kann. Desdemona, dargestellt von einer lebendig-vorlauten Marielle Layher, darf sich über ihre „Schokopraline“ Othello freuen, über den „wilden Barbaren“, dessen Blutrünstigkeit sie erregt. Und doch hat er ihr Herz durch seine Worte gewonnen. Ernest Allan Hausmann zeigt seinen Othello als ernsten, pflichtbewussten General, der alles für sein neues Vaterland tut, der Bemerkungen über seine Herkunft zu übersehen versucht, dessen Kraft aber am Ende mit dem vermeintlichen Ehebruch seiner Frau aufgebraucht ist und der dann bitter anprangert, dass er trotz aller Bemühungen doch immer der Fremde bleiben wird.

          Doch werden diese Fragen unangestrengt und quasi nebenbei verhandelt, wenn auch mit Ernst und Nachdruck. Denn der Regisseur lässt den Figuren Raum für Entwicklungen und Ambivalenz, natürlich vom immer boshaften Jago abgesehen. Daniel Scholz als gar nicht so edler Cassio ist heimlich derart versessen auf Desdemona, dass er seinen Kopf im Pool abkühlen muss. Judith Niederkofler als Emilia berichtet ihrer interessierten Herrin Desdemona über die Untreue der Frauen. Hubert Schlemmer als Desdemonas Vater Brabantio bringt mit seinem Gejammer über die ihm angeblich entrissene Tochter das Publikum zum Lachen. Béla Milan Uhrlau schreibt als täppischer Rodrigo Desdemona über Whatsapp und schaut zum Vergnügen der Zuschauer, die sein Tun auf einem Bildschirm verfolgen, viel im Internet nach.

          Mit derben Schimpfwörtern

          Erwin Aljukićs Auftritt als Herzog von Venedig fesselt wegen der Präsenz und Kraft eines Mannes, der die meiste Zeit im Rollstuhl sitzt, nun aber langsam über die Bühne schreitet. So stark ist seine Ausstrahlung, dass es nur folgerichtig scheint, wenn die anderen Männer vor ihm auf die Knie gehen. Wobei der Herzog nicht in Venedig, sondern in Frankfurt zu residieren scheint, glaubt man dem Bühnenbild von Daniel Roskamp: Die nächtliche Stadt mit dem Bahnhofsviertel ist über die ganze Bühnenwand zu sehen. Später weicht das Bild, der Blick fällt auf einen Pool in der Mitte, einige Plastikstühle und einen Bildschirm.

          Dorothee Joistens Kostüme entstammen der Gegenwart, nur bei Othello zitiert sie an einigen Stellen mit historischem Gewand oder einer Rüstung die Tradition seiner Rolle. Dies entspricht der teilweise verwendeten Übersetzung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel mit ihren derben Schimpfwörtern. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern stimmig: wie auch das utopische Ende, das, unterlegt mit Zitaten von Achille Mbembe, die „eine Welt für alle“ beschwört. Und der Auftritt eines kleinen Mädchens namens Afua Wireclu.

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